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Die Freie Universität vor dem Börsengang? –
Bemerkungen zur Ökonomisierung der Wissenschaft


Eine Universität, die sich als Gemeinwesen versteht, wird sich einem öffentlichen Auftrag verpflichtet fühlen
und sich über den Inhalt des öffentlichen Auftrags intern streiten. Eine Universität nach dem Modell des
Privatunternehmens wird sich umdefinieren zur Unterordnung all ihrer Tätigkeiten unter das oberste Prinzip,
auf dem Markt erfolgreich zu sein. Dieses Modell der unternehmerischen Universität nimmt vollständig
Abschied von der Idee und der Tradition der Universität nicht nur als Gruppenuniversität sondern überhaupt
als Gemeinwesen. Gibt es Hoffnung, dass die „unternehmerische Universität“ nicht das Ende der
Universitätsgeschichte ist?


Bodo Zeuner, Emeritus am Otto-Suhr-Institut an der FU Berlin hat uns seine Abschiedsvorlesung vom 11. Juli
2007 zur Verfügung gestellt. Der folgende Text erscheint auch im September in der Nr. 148 der Zeitschrift
PROKLA. In dieser Ausgabe werden die Konsequenzen der “Verbetriebswirtschaftlichung” von immer mehr
gesellschaftlichen Bereichen untersucht. Bestellungen über www.prokla.de.

Abschiedsvorlesung am 11. Juli 2007, 18 Uhr, Hs. A des OSI, Ihnestr. 21

Die Freie Universität Berlin vor dem Börsengang?
Bemerkungen zur Ökonomisierung der Wissenschaft

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitstreiterinnen und
Mitstreiter,
ich hatte am Otto-Suhr-Institut in den letzten Jahren die Chance und das leidvolle Vergnügen, die
Abschiedsvorlesungen vieler Freunde und Kollegen mitzuerleben und manchmal auch mit zu
gestalten. Daraus konnte ich lernen, das solch eine Vorlesung zum einen inhaltlich eine Art
Resümee des eigenen Tuns und Erkennens als Wissenschaftler sein sollte, dass sie aber zweitens
auch eine persönliche Komponente haben muss.


Mit dieser persönlichen Komponente fange ich jetzt an. Es wird sich schon zeigen, wie sie mit den
wissenschaftlichen Inhalten zusammenhängt.


Ich bin vor fast 30 Jahren hier zum Professor berufen worden, und zwar für Politische Wissenschaft
allgemein, unter besonderer Berücksichtigung eines Arbeitsgebiets, das, so glaube ich mich zu
erinnern, „politische Soziologie der abhängigen Erwerbspersonen“ hieß, also mich verpflichtet hat,
mich besonders um die Analyse der politischen Regulierung der Arbeitsbeziehungen zu kümmern.
Ich war vorher am OSI Student, Assistent und Assistenzprofessor (das ähnelt dem heutigen
Juniorprofessor) gewesen, zwischendurch Redakteur in Hamburg, beim NDR und später beim
„Spiegel“. Beim „Spiegel“ habe ich, direkt im Anschluss an die Studentenbewegung, für
Mitbestimmung der Journalisten gekämpft und auch dafür, dass der „Spiegel“ ein von
selbstbestimmt arbeitenden Journalisten gemachtes noch „linkeres Blatt“ werden sollte, als der
Herausgeber Rudolf Augstein wollte. Als Reaktion auf unsere Initiative
• warf Rudolf Augstein erstens fünf Anführer der redaktionsinternen Revolte: Alexander von
Hoffmann, Hermann Gremliza, Otto Köhler, Dieter Brumm und Bodo Zeuner, hinaus und
• schenkte er zweitens die Hälfte der Eigentumsanteile am Unternehmen „Spiegel“ der
Belegschaft, behielt aber die Alleinherrschaft als für die Linie des Blattes zuständiger
Herausgeber. [1]
Der „Spiegel“ wurde kein linkeres Blatt – wie etwa: „Le Monde“ – aber die Belegschaft und die
Redaktion verdienen seither gut mit und sind darauf bedacht, Anzeigenkunden nicht zu verprellen,
weil das ihren kollektiven Profit mindern könnte.


Ich hatte großes Glück, dass ich 1972, als Augstein mich gefeuert hatte, wieder ans OSI kommen
konnte: Hier war gerade eine Assistenzprofessur für Interessenverbandsforschung frei – und meine
Freunde aus der inzwischen gegründeten SAZ, der „Sozialistischen Assistentenzelle“, setzten sich
dafür ein, dass ich, der ich zuvor eher als Parteienforscher ein Profil bei den Politologen gewonnen
hatte, diese Stelle bekam. Ich hatte auch während meiner Zeit beim „Spiegel“ den Kontakt zu den
Freunden am OSI, insbesondere aus der SAZ, nie abgebrochen. Jedenfalls wurde ich 1972
Assistenzprofessor und 1977 Professor auf Lebenszeit am OSI.


Auch bei dieser Berufung hatte ich Glück; auch dabei spielte die Solidarität der SAZ eine Rolle.
Damals expandierte das OSI dramatisch, die Studentenzahlen nahmen zu, und der Staat war noch
nicht der Meinung, er müsse prinzipiell sparen, die Steuerlast für die Unternehmen senken und die
Reform bestehe darin, die Universitäten auf private Finanzierungsquellen zu verweisen. Vielmehr
galt Bildung noch als öffentliches Gut und öffentliche Aufgabe, die auch öffentlich zu finanzieren
war – und zum Inhalt dieser öffentlichen Aufgabe gehörte es damals, die Hochschulen für breitere
Schichten zu öffnen, die Studierenden nicht nur für ihr Funktionieren im Beschäftigungssystem zu
qualifizieren, sondern auch ihr kritisches Analysevermögen zu fördern. Damals wurden neue
Stellen geschaffen, die solchen Aufgabenstellungen entsprachen. Dazu gehörte meine Professur, die
mir die Möglichkeit gab, mich auf die Politik der Arbeitsbeziehungen und auf die politische
Erwachsenenbildung zu konzentrieren. Im heutigen „neuen OSI“ mit, wie in den frühen 60er
Jahren, nur 11 Großprofessuren gibt es für beide Gebiete, die Arbeitsbeziehungen und die politische
Erwachsenenbildung, keine eigene Professur mehr – und bei der Fortführung der
Erwachsenenbildung muss, wie ich höre, darum gekämpft werden, dass überhaupt noch eine
Mitarbeiterstelle für diese Pflichtaufgabe zur Verfügung steht.


Dass ich am OSI Assistenzprofessor und dann Professor wurde, beruhte also, neben meiner
individuellen Qualifikation und Qualität, auch auf der Solidarität der damaligen Mittelbaugruppe
und auf persönlichem Glück, letzteres in doppelter Weise: Ich hatte Glück, dass gerade ein Stelle
frei war, für die sich kein in den Augen der Auswählenden besserer Bewerber fand, und ich hatte
das Glück, in einer Zeit zu leben, in der das, was ich als Wissenschaftler anbieten wollte und
konnte, als öffentlich zu finanzierende öffentliche Aufgabe angesehen wurde. Gewiss, ohne von
anderen anerkannte Leistung wäre ich nicht Professor geworden, aber der Umkehrung, ich sei allein
durch hervorragende Leistung meines eigenen Glückes Schmied gewesen, will ich ausdrücklich und
mit dem Absicht der Generalisierung widersprechen. Zur Leistung mussten gerade geöffnete
Gelegenheitsfenster und Solidarität hinzukommen.


Auf Glück und Solidarität werde ich am Ende dieser Vorlesung noch zurückkommen.
Das Thema meiner Vorlesung ist die Ökonomisierung, genauer: die Markt-Ökonomisierung der
Wissenschaft, vor allem wie sie an den Universitäten betrieben wird, vor allem am Beispiel der
Freien Universität Berlin.


Ursprünglich hatte ich vor, bei meinem Abschied über ein anderes Thema, zu dem ich in den letzten
Jahren gearbeitet und mit Irmtraud Schlosser auch eine Ringvorlesung veranstaltet habe, zu reden,
nämlich Solidarität: Solidarität lässt sich ja, ausgehend von der französischen Revolution, als
Grundwert, und, ausgehend von Sozialtheorien wie der Emile Durkheims, als unverzichtbares
Bindemittel jeder Gesellschaft beschreiben. Was also geschieht mit unseren sozialen Beziehungen
und unseren politischen Ordnungen, wenn immer mehr Solidarität benötigt und immer weniger
Solidarität tatsächlich hergestellt und ermöglicht wird? Bricht die weltweite Marktgesellschaft an
diesem Widerspruch zusammen?


Ich hätte wie gesagt Lust gehabt, in meiner Abschiedsvorlesung über diese Frage zu sprechen. Aber
dann fragte ich eine mir nahe stehende Frau, die das OSI gut kennt, ob ich eher über die
Ökonomisierung der FU oder über die Probleme der Solidarität reden sollte – und sie sagte:
Natürlich musst du zum Abschied eine kritische Vorlesung zur Freien Universität halten.
Das mache ich also jetzt. Und am Ende werde ich auf die Frage der Solidarität zurückkommen, und
zwar, in Anlehnung an eine Formulierung von Leszek Kolakowski, als Frage nach der Möglichkeit
und Unmöglichkeit, ein solidarisch handelnder Wissenschaftler zu sein.


Die FU vor dem Börsengang? – Bemerkungen zur Ökonomisierung der Wissenschaft
Ich will die Themenfrage nicht mit einer Kapitalmarkt-Prognose beantworten, sondern zunächst
eine These begründen, nämlich, dass die FU sich bei ihren eigenen Umstrukturierungen so verhält,
als wolle sie sich demnächst kapitalprivatisieren, als wäre also der Börsengang, wie bei der
Deutschen Bahn AG, ihr oberstes Entwicklungsziel. Und selbstverständlich will ich erörtern, was
diese Entwicklung bedeutet und was aus ihr folgt und in welche Widersprüche das gerät und was
sich entgegensetzen lässt.


Was „kapitalprivatisieren“ heißt, lässt sich dem IPO-Test entnehmen. Diesen Test für die Börsen-
Fitness von Unternehmen veröffentlicht die Deutsche Börse im Internet. Er besteht aus 10 Fragen,
bei denen es um „grundlegende Kriterien“ für die Börsenreife geht. Dazu gehören u.a.
„überdurchschnittliche Perspektiven in einem Kernmarkt“ (Frage 1), „überdurchschnittliches
nachhaltiges Wachstum in neuen innovativen Märkten“ (Frage 2), sowie „ein überzeugendes
nachvollziehbares und nachhaltiges Unternehmenskonzept“ (Frage 3). Dann folgen Kriterien zur
Binnenstruktur, die ich etwas genauer zitieren will:
• „Strategien und Ziele werden regelmäßig überprüft und in einer detaillierten
Unternehmensplanung laufend fortgeführt.“ (Frage 3)
• „Ihr Unternehmen hat eine klare Unternehmensstruktur und einem der Unternehmensgröße
in der Tiefe und Breite angemessene Führungsstruktur. Alle wesentlichen
Managementpositionen sind mit Personen besetzt, die eine entsprechende fachliche
Qualifikation für ihre Aufgabenbereiche mitbringen.“ (Frage 4)
• „Ihr Unternehmen verfügt über effiziente Managementinformations-, Kontroll- und
Risikosysteme ..“ (Frage 5)
• „Ihr Unternehmen verfügt über ein Aufsichtsgremium oder Beirat sowie deren Mitglieder
über eine fachlich, angemessene Qualifikation“ (Frage 6). [2]


Die Fragen 7-10 betreffen das Verhältnis zum Kapitalmarkt, insbesondere zur Bereitschaft, sich
dem Kapitalmarkt zu öffnen. „Ein kontinuierlicher Dialog mit Investoren und Intermediären“ muss
„fester Bestandteil“ der Unternehmensstrategie sein (Frage 8).


Dass derartige Kriterien vom Präsidenten der FU selber als Leitmodell angesehen werden, zeigte
sich im November 2006. Damals wurde die Freie Universität Berlin von dem Wirtschaftsmagazin
„karriere“ und dem Prognos-Institut unter 35 Konkurrenten zur „unternehmerischsten Hochschule“
in Deutschland gekürt. Die Kriterien für dieses Ranking waren denkbar simpel: Es ging um
größtmögliche Übereinstimmung mit einem Wirtschaftsunternehmen, das Leitbild lautete
„Unternehmen Hochschule“. Dazu gehörte u.a., dass Universitäten nach neuen Wegen der
Finanzierung und damit mehr Unabhängigkeit von staatlichen Geldern suchen und dass sie „nicht
verwaltet, sondern gemanagt“ werden. [3] FU-Präsident Dieter Lenzen erklärte prompt seine Freude
über diesen Spitzenplatz und darüber, „dass unser Kurs zur unternehmerischen Gestaltung der
Universität gerade in Zeiten knapper Kassen Bestätigung findet“. [4]


Präsident Lenzen ist nicht nur Chefmanager der „unternehmerischsten Universität“ Deutschlands, er
macht auch aus seiner Parteinahme für Unternehmerinteressen und Unternehmerideologien keinen
Hehl. Er ist Fördermitglied der vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall ins Leben gerufenen und
finanzierten „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“. Die Initiative „Neue Soziale
Marktwirtschaft“ ist ein neoliberaler Think-Tank, der stolz darauf ist, öffentliche Diskurse zu
steuern, ja zu manipulieren, Journalisten zu beeinflussen, eine ideologische Deutungshoheit im
Sinne seiner Auftraggeber herzustellen. Rudolf Speth, Privatdozent des OSI und vom OSI – aus
leicht erklärlichen Gründen bisher vergeblich – für die Ernennung zum apl. Professor
vorgeschlagen, beschreibt die INSM als „PR-Unternehmen für die Interessen der Wirtschaft“, als
„Ausdruck einer Radikalisierung der ökonomischen Eliten, die die Politik (…) stärker unter Druck
setzen.“ [5] Wer auch nur in den Verdacht gerät, die Wissenschaft in den Dienst einer solchen
Propagandamaschine stellen zu wollen, müsste nach traditionellen Maßstäben disqualifiziert sein
für ein Präsidentenamt, das die Autonomie der Wissenschaft zu verteidigen hat.


Herr Lenzen aber ist ein ehrenwerter Mann. Er wurde 2007 mit wenigen Gegenstimmen
wiedergewählt, und es gab dabei keine inneruniversitäre Debatte über seine Rolle als Propagandist
von Arbeitgeberinteressen. Das kann man nur mit einem kompletten Normwandel hinsichtlich
dessen, was Universität sein und wozu sie dienen soll, erklären.


Auf diesen Normwandel und den ihm entsprechenden Strukturwandel kommt es mir hier an – nicht
auf einen personalisierenden politischen Angriff auf Präsident Lenzen. Einige KollegInnen, denen
ich einen Entwurf dieses Textes zu lesen gab, rieten mir, um nicht in „Verschwörungstheorien“ zu
verfallen, Herrn Lenzen als „Charaktermaske“ im Marx’schen Sinne herauszustellen. Ich denke,
dass man über diese Entgegensetzung hinauskommen sollte: Selbstverständlich sind es objektive
und globale Entwicklungen, die zur Ökonomisierung von Wissenschaft drängen und Akteuren wie
Lenzen erst ein Aktionsfeld eröffnen. Andererseits ist der gegenwärtige FU-Präsident nicht nur ein
passives Rädchen im Getriebe der Systemzwänge, sondern ein exemplarischer und auch bundesweit
führender Protagonist und Promotor der Markt-Ökonomisierung von Wissenschaft.


Der Normwandel ist, was das angestrebte Ziel angeht, leicht zu beschreiben: Es geht um die reale
und gewollte Anpassung der Universität in Struktur und Funktion an ein zum Zweck der
Profiterzielung wirtschaftendes Privatunternehmen. Dazu gehören mindestens folgende,
miteinander verkoppelte und gleichzeitig vollzogene Restrukturierungsprozesse (neudeutsch
„Reformen“) genannt:


1. Kommodifizierung der Wissenschaftsprodukte
Geschäftsziel ist die Produktion von Waren, die privat nutzbar und auf dem Markt veräußerbar
sind, statt von Kollektivgütern: Also werden die Studierenden zu Kunden umdefiniert, die
verwendbare Qualifikationen und entsprechende Zertifikate nachfragen und auch mit
Studiengebühren bezahlen. Weiterbildungsangebote werden entsprechend zahlungskräftiger
Nachfrage der Berufstätigen oder ihrer Arbeitgeber entwickelt. Die Gewinnung wissenschaftlicher
Erkenntnisse zielt ebenfalls auf die zahlungskräftige Nachfrage, im wesentlichen „der Wirtschaft“
und „der öffentlichen Hände“.


Hier stellt sich allerdings schon ein Problem: Wissenschaft kann sich nicht vollständig den Schuhoder
Automobil-Produzenten angleichen – denn sie unterliegt dem Wahrheitskriterium, Schuhe und
Autos müssen dagegen nur nützlich sein. Diese Bindung an das Streben nach Wahrheit macht sogar
den spezifischen Gebrauchswert der Wissenschaft aus und verleiht ihren Produkten eine besondere
Würde und Autorität. Sie erst begründet das Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit. Ein Professor,
der von vornherein zugeben würde, dass er sein wissenschaftliches Gutachten inhaltlich an den
Interessen des Meistbietenden orientiert, würde dieses Gutachten entwerten. Ähnliches gilt für die
Ware Qualifikation, die nur dann einen Wert hat, wenn sich mit ihr eine dokumentierbare Leistung
verbindet: Sollte sich herumsprechen, dass akademische Titel und Zertifikate käuflich oder doch für
Reiche mit wesentlich geringerem Leistungsaufwand zu erwerben sind als für andere, dann würde
das die Titel und Zertifikate entwerten.


Die Umstellung der Wissenschaft von der Produktion öffentlicher Güter auf die Warenproduktion
hat also ihre Tücken, weil sich auch in der Ware Wissenschaft und der Ware Zertifikat noch
bestimmte Wesenselemente des früheren öffentlichen Guts wiederfinden lassen müssen. Die
übliche Lösung des Problems bei der Privatisierung von öffentlichen Gütern ist die Einrichtung von
Regulierungsbehörden, die Mindeststandards sicherstellen, etwa: Landesmedienanstalten,
Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen. Vergleichbares hatten wir bei den Universitäten
schon immer, nämlich als Staatsaufsicht. Nun aber wird auch diese privatisiert, etwa bei der
Akkreditierung neuer Studiengänge durch miteinander konkurrierende Akkreditierungsfirmen –
gewissermaßen eine Privatisierung zweiter Ordnung, bei der auch die Kontrolle der Erfüllung
gemeinwohlorientierter Minimalstandards noch in private Hände gegeben wird. Und wir haben mit
dem CHE (Centrum für Hochschulentwicklung) der Bertelsmann-Stiftung ein privates – und
Privatinteressen eines Konzerns förderndes – Über-Wissenschaftsministerium, das zum Beispiel in
Nordrhein-Westfalen sowohl das neue sogenannte „Hochschulfreiheitsgesetz“ konzipiert hat als
auch vom „Innovationsminister“ Pinkwart (FDP) mit der „Umsetzung“ dieser „Hochschulfreiheit“
beauftragt worden ist. [6]


Die Umstellung auf Warenproduktion bedeutet auch, worauf Konrad Paul Liessmann in seinem vor
einem Jahr erschienenen brillanten Essay über die „Theorie der Unbildung“ hingewiesen hat, eine
„Industrialisierung“ des universitären Produktionsprozesses, wobei Industrie, als Gegenbegriff zu
Handwerk, verstanden wird als „die tendenziell mechanisierte und automatisierte Herstellung von
identischen Produkten unter identischen Bedingungen mit identischen Mitteln.“ [7] Liessmann sieht
in den Naturwissenschaften mit ihrem Verfahren des Experiments durchaus eine Anschlussstelle für
die Industrialisierung von Wissenschaft, während die Theorieproduktion, die Grundlagenforschung
und die Geisteswissenschaften eher dem Handwerksmodell folgen und sich der Standardisierung
entziehen.


Diese Industrialisierung der Produkte von Forschung und – nicht Lehre, sondern – Ausbildung
scheint mir die gegenwärtige Ökonomisierung übrigens auch für die Gewerkschaften attraktiv
gemacht zu haben – bis hin zur Unterstützung des „Bologna-Prozesses“ durch meine eigene
Bildungsgewerkschaft GEW. Ich kritisiere mich selbst als Gewerkschaftsforscher und
Gewerkschafter dafür, mich nicht frühzeitig gegen diese Politik engagiert zu haben.
2. Marktabhängigkeit der Wissenschaftsproduktion und der Wissenschaftsunternehmen.
Diese hängt mit der unter 1. genannten Kommodifizierung zusammen, geht aber darüber hinaus
und verdient deshalb eine gesonderte Betrachtung. Die „Reform“ begnügt sich ja nicht damit, die
Universitäten mehr oder weniger auf die Herstellung verkäuflicher Produkte und Dienstleistungen
umzuorientieren. Vielmehr wird ein nationales und globales System der marktförmigen Konkurrenz
zwischen den Wissenschaftsunternehmen konstruiert, das auf brutale Resultate ausgerichtet ist:
Ruinöse Konkurrenz nach dem Prinzip „Winner takes all“. Nur wer an der Spitze mitmischt, wer
international in der ersten Liga spielt, und wie die Metaphern alle heißen, hat eine
Überlebenschance.


Der seit zwei Jahren inszenierte bundesweite „Exzellenz“-Wettbewerb liefert dafür prächtige
Beispiele. Der Sache nach geht es um die Verteilung unzureichender Mittel für universitäre
Forschung durch die staatlichen Haushalte. Um von der Unterfinanzierung des öffentlichen Guts
„wissenschaftliche Forschung“ abzulenken, wird ein ruinöser Wettbewerb um das künstlich
verknappte Gut „Exzellenz“ und den Titel „Eliteuniversität“ veranstaltet. Wer nicht gewinnt, steigt
ab. Diese Anrufung wurde von der Freien Universität und auch von unserem Fachbereich besonders
begeistert und besinnungslos aufgenommen. Anfang 2006, nachdem die FU zum Wettbewerb um
das Label „Eliteuniversität“ in die Runde der letzten 10 gekommen war, schrieb Präsident Lenzen
in einem Rundbrief an alle Professoren der FU:


„In diesen Jahren entscheidet sich, ob die Freie Universität unter den ,Top Ten’ auch weiterhin
ihren Platz hat, oder ob sie zurückfällt. Das bedeutet auch, dass alle strategischen Entscheidungen
über Strukturen, Berufungen, Schwerpunkte, Arbeitsziele immer auch vor dem Hintergrund dieses
Ziels bewertet und getroffen werden müssen.“


Am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften wurde Lenzens Marschroute, alles dem
Exzellenzwettbewerb unterzuordnen, sofort befolgt: Es gab Umbaumaßnahmen zur Freiräumung
eines ganzen Traktes, temporäre Schließungen und dauerhafte Verlagerungen ganzer Bibliotheken
mitten im Semester mit dem alleinigen Ziel, der externen Bewertungskommission bei einer
Begehung vorzuführen, dass das vom Fachbereich geplante Exzellenzcluster für den Fall seiner
Bewilligung die benötigten Räume unverzüglich bereit stellen könne. Die „Wettbewerbsfähigkeit“
des Standorts OSI bzw. FB PolSoz sollte um jeden Preis optimiert werden. Das Cluster fiel dann
trotzdem durch. Die bis heute leer stehenden Räume sollen jetzt anderen Zwecken zugeführt
werden.


Der Witz bei dieser Marktunterwerfung ist, dass sie funktioniert, auch wenn ein realer Markt, auf
dem Güter und Dienstleistungen gegen Geld getauscht werden, gar nicht vorhanden ist.
Marktprozesse lassen sich im Universitätswettbewerb sehr gut simulieren. Eine ganze Industrie von
Ranking- und Evaluierungsfirmen versucht einen virtuellen Markt herzustellen, auf dem die
einzelnen Universitäten und Hochschulen verbittert und atemlos um Anteile und Positionen
kämpfen. Auf diesem simulierten Markt ist die Konkurrenz mindestens so gnadenlos wie auf
„echten“ Märkten. Den ideologischen Konstrukteuren des Marktradikalismus ist es gelungen, einen
Real-Bluff zu installieren: Sie können, um ein Wort von Wolf Wagner aus seinem berühmten Buch
über Uni-Bluff [8] aufzugreifen, den Kuchen essen, ohne ihn überhaupt zu haben. Wie gewaltsam
diese simulierten Marktzwänge wirken, wurde mir klar, als ich neulich mit einem auswärtigen
Mitglied eines Hochschulkuratoriums sprach und von ihm die resignierte Einschätzung hörte: Kein
Hochschulpräsident könnte sich dem Wettrennen um „Exzellenz“ verweigern, auch wenn er diesen
Wettbewerb für politisch unsinnig und gefährlich hielte.


Immerhin könnte ein solcher Präsident, wenn es ihn denn gäbe, die FU hat ihn nicht, versuchen, ein
wenig Sand in das Getriebe der besinnungslosen Konkurriererei zu streuen und sich mit den
Mitkonkurrenten zu beraten und vielleicht sogar zu verständigen. – Denn auf die Frage, ob man aus
einer als ruinös erkannten Konkurrenz, aus einem race to the bottom, aussteigen kann, gibt es in der
Tradition der Arbeiterbewegung eine Antwort: Organisierung von Solidarität zum Bau von
Dämmen gegen Unterbietungskonkurrenz. Darauf komme ich am Ende zurück.


3. Unternehmisierung des Universitätsbetriebs


3.1. Das Programm der Unternehmisierung
Der dritte Restrukturierungsprozess auf dem Wege zum Privatunternehmen betrifft die
Binnenstruktur des Unternehmens. Ich nenne sie „Unternehmisierung“ und nicht
„Verbetriebswirtschaftlichung“, denn gegen gute Betriebsführung wäre ja nichts einzuwenden. Die
Freie Universität Berlin hat eine miserable Betriebsführung, wie sich zu Beispiel bei der Einführung
des Registrierungssystems „Campus Management“ zeigte – aber sie wird trotzdem zur
unternehmerischsten Hochschule ernannt, weil sie sich den Zielen der Transformation in ein
Unternehmen besonders verschrieben hat. Über diese Unternehmisierung der Universität am
Musterbeispiel FU will ich jetzt ausführlicher reden.


Was das neue Leitbild „Unternehmen Hochschule“ bedeutet, lässt sich gut am Vergleich mit den
beiden vorangegangenen Strukturmodellen für deutsche Universitäten zeigen, etwa was die
professionelle Autonomie der Wissenschaftler betrifft, mit den Worten des Grundgesetzes: die
Freiheit von Forschung und Lehre:


• Die Humboldtsche Gelehrtenrepublik war getragen von großem Vertrauen in eine
Wissenschaft, die ihren Wert in sich trägt, die Forschung und Lehre miteinander verknüpft
und damit den Professoren eine sehr große, lediglich durch dienstrechtliche Aufsicht des
Staates eingeschränkte, professionelle Autonomie garantiert.
• Die gegen den „Muff unter den Talaren“ erkämpfte Gruppenuniversität beschnitt
professorale Privilegien durch eine differenzierte Mitbestimmung aller funktionalen
Gruppen; beibehalten wurde aber die große professionelle und fachliche Autonomie derer,
die Wissenschaft betreiben.


Das Modell „Unternehmen Hochschule“ koppelt dagegen die Produktion von Wissenschaft und
Studierendenausbildung direkt an Markterfolge und erlegt den Universitäten auch die
Binnenstruktur eines marktorientierten Unternehmens auf. Darin hat professionelle Autonomie nur
noch in dem Maße Platz, wie sie dem Geschäftsinteresse dient. Innerhalb der unternehmerischen
Universität geht es um die optimale Verbindung von Hierarchie und Konkurrenz. Das bedeutet auf
jeden Fall die Aufhebung, mindestens aber das Leerlaufenlassen aller Formen von Demokratie und
Mitbestimmung.


Ohne jede Bemäntelung machte dies Margret Wintermantel, Präsidentin der
Hochschulrektorenkonferenz und damit höchste Repräsentantin der universitären Wissenschaft, auf
einer Tagung in Berlin im März dieses Jahres deutlich. Uwe Schlicht referierte im „Tagesspiegel“
vom 20.3.2007 unter der Überschrift „Wer das Sagen an der Uni hat“ folgende Aussagen von
Wintermantel:


„Die Hochschulen (…) müssten (…) lernen, langfristig strategisch zu planen. Diese
Professionalisierung falle vielen Präsidenten und Dekanen jedoch noch schwer. Darum sei es auch
schwierig, neue Rektoren zu finden. Konflikte zwischen den unternehmerisch denkenden
Hochschulräten oder Kuratorien und den Akademischen Senaten würden aufbrechen. Doch
benötige das Leitungspersonal für die neuen Aufgaben eine umfassende


Entscheidungsbefugnis. (Herv. B.Z.) Den Gremien der akademischen Selbstverwaltung weist die
HRK-Präsidentin die Aufgaben der Beratung und Kontrolle zu. Die Hochschulen wandelten sich zu
unternehmerisch geführten Universitäten und nähmen Abschied von der Gruppenuniversität der
siebziger und achtziger Jahre.“


Das ist ein klares Programm: Universitäten als Wirtschaftsunternehmen sans phrase. Wie bei, sagen
wir, der Firma Mercedes gibt es zwei „unternehmerisch“ denkende und handelnde Instanzen: den
Aufsichtsrat (bei den Unis: Hochschulräte und Kuratorien, besetzt mit sogenannten „unabhängigen
Persönlichkeiten“, die großenteils aus der Wirtschaft kommen) und den Vorstand („das
Leitungspersonal“). Letzterer braucht, es sei wiederholt, eine „umfassende Entscheidungsbefugnis“.
Es darf also nicht behindert werden durch interne Mitentscheider, die es bei Mercedes auch nicht
gibt, nämlich Gremien der akademischen Selbstverwaltung, Akademische Senate zum Beispiel.
Solche Gremien sollen zugunsten der „unternehmerisch“ funktionierenden Instanzen entmachtet
werden. Die „Gremien der akademischen Selbstverwaltung“ sollten sich auf „Beratung und
Kontrolle“ reduzieren. Nun ist dies ein Widerspruch in sich: Gremien, die nur noch beratend und
kontrollierend tätig sind, aber keine originären Entscheidungsbefugnisse haben, verdienen nicht
mehr den Namen „Selbstverwaltung“, wie sich z.B. aus dem Vergleich mit der kommunalen
Selbstverwaltung ergibt: Wenn Stadträte oder Gemeinderäte gegenüber den allein entscheidenden
Bürgermeistern und Verwaltungschefs nur noch Beratungs- oder nachträgliche Kontrollrechte
hätten, dann gäbe es keine kommunale Selbstverwaltung mehr, sondern eine kommunale Diktatur.
Genau dies, die innerbetriebliche Diktatur des Managements, ist erklärtes Ziel gegenwärtiger
Umstrukturierungen im Hochschulwesen. Nun ist Diktatur offensichtlich ein böser Vorwurf, und
genau so will ich diesen Begriff auch verstanden wissen. Das gilt allerdings nur, wenn von Politik,
vom Gemeinwesen, die Rede ist. Wirtschaftsunternehmen eine diktatorische Verfassung
vorzuwerfen, ist nicht üblich – auch als analytische Kategorie kommt der Begriff Diktatur nur in der
Politikwissenschaft vor, nicht aber, soweit ich sehe, in der Betriebswirtschaftslehre und den ihr
zugehörigen Management- und Organisationslehren. Nur wer auch den Wirtschaftsbetrieb als
Gemeinwesen, und nicht nur als Veranstaltung zur Profitmaximierung der Kapitaleigner, versteht,
kann dann auch, wie Gewerkschaften es tun, jedenfalls den politischen Gegenbegriff von Diktatur:
Demokratie in die Debatte einführen und die Forderung nach Wirtschaftsdemokratie vertreten oder
beklagen, dass die Demokratie am Werkstor aufhöre.


Wir können also auch die Umwandlung der Universitäten zur „unternehmerischen Hochschule“ à la
Wintermantel und Lenzen verstehen als Versuch, sich den Anforderungen, die sich an die
Universität als ein Gemeinwesen stellen, zu entziehen.


Der Begriff des Gemeinwesens klingt auch in der Politikwissenschaft ein wenig altmodisch, und für
ihn gibt es noch weniger als für andere Begriffe unserer Wissenschaft eine eingeführte anerkannte
Definition. Dennoch finde ich ihn nützlich, weil er besonders gut den Unterschied zum privaten
Wirtschaftsunternehmen deutlich macht:


Das private Wirtschaftsunternehmen verfolgt als oberstes Ziel die Erzielung von Gewinn durch den
Verkauf seiner Produkte. Das bedeutet immer eine Dominanz der Shareholder, der Anteilseigner,
auch wenn diese sich je nach System und ökonomischer Position mehr oder weniger auf die
Berücksichtigung anderer Stakeholder: Beschäftigte, Kunden, andere Unternehmen, einlassen. Das
Hauptziel der Profitproduktion wird von keinem der Stakeholder in einem Privatunternehmen
ernsthaft in Frage gestellt.


Ein Gemeinwesen dagegen strebt


a. nicht nach Profit. Vielmehr produziert es öffentliche Güter oder es erbringt Leistungen, die
dem Gemeinwohl, dem gemeinsamen Wohl größerer und kleinerer Personengruppen oder
sozialer Einheiten dienen. Was als Gemeinwohl und als öffentliches Gut verstanden wird, ist
in einem Gemeinwesen normalerweise unter den Beteiligten umstritten und bedarf der
Diskussion und der Einigung, in Habermas’ Begriffen: des Diskurses, der Deliberation und
der Konsensfindung. Deshalb zeichnet sich ein Gemeinwesen


b. durch eine politische Binnenstruktur aus, durch eine Verfassung, die es ermöglicht,
unterschiedliche Vorstellungen über die gemeinsam zu verfolgenden Ziele diskursiv zu
klären und die für alle verbindlichen Entscheidungen unter Anerkennung unterschiedlicher
Wertorientierungen und Interessen zu treffen.


Eine Universität, die sich als Gemeinwesen versteht, wird sich einem öffentlichen Auftrag
verpflichtet fühlen und sich über den Inhalt des öffentlichen Auftrags intern streiten: Mehr
Leistungsdruck oder mehr freie Entwicklungsmöglichkeiten für die Studierenden; mehr
Qualifikation zu kritischem Denken oder mehr Anpassung an Anforderungen des
Beschäftigungssystems, mehr Grundlagen- oder mehr Anwendungsforschung, mehr Öffnung für
Bildungsbenachteiligte oder mehr Selektion von Eliten, mehr Öffnung für Arbeitnehmerinteressen
oder für Unternehmerinteressen, etc. Einen Teil dieses Streits wird die Universität nicht intern allein
entscheiden dürfen, sondern hier hat auch der Staat als Ausdruck des die gesamte Gesellschaft
umfassenden Gemeinwesens mitzureden: Schließlich wird die Universität von diesem
Gesamtgemeinwesen rechtlich und finanziell mit getragen.


Eine Universität nach dem Modell des Privatunternehmens wird sich umdefinieren zur
Unterordnung all ihrer Tätigkeiten unter das oberste Prinzip, auf dem Markt erfolgreich zu sein.
Interner Streit über die oben genannten Fragen, die sich beim politischen Thema „Was ist der
öffentliche Auftrag?“ stellen, mag zwar noch stattfinden, aber er wird nicht mehr in ernster Absicht
ausgetragen, sondern als Sandkastenspiel. Er wird durch den Vorrang des Unternehmensziels
Markterfolg gewissermaßen entsubstantialisiert. Diskurs und Deliberation werden zum
schmückenden Beiwerk, bleiben folgenlos. Grundlagenforschung? Studienziel kritische
Kompetenz? Mehr Frauenförderung? – Alles schon recht, aber nur wenn der Markt es nicht
bestraft!


Der Unterschied zwischen einem Privatunternehmen und einer als Gemeinwesen verstandenen
Universität betrifft direkt die Anerkennung von professioneller Autonomie. Auch die Forschungsund
Entwicklungsabteilungen von Konzernen müssen ein wenig selbständige Tüftelei ihrer
Konstrukteure und Ingenieure ertragen und fördern – aber doch nur in den Grenzen eines
mindestens mittelfristig erwartbaren Beitrags zum Geschäftserfolg.


Eine Universität als Gemeinwesen dagegen hat die Grundlagenforscher, die Orchideenfächler und
die Systemkritiker wegen ihres Eigenwerts für die Wissenschaft anzuerkennen und institutionell zu
fördern.


Die Unternehmisierung der deutschen Universität, bei der die FU stolz allen anderen voran
schreitet, ist also ein, um es noch einmal zu sagen, sehr deutlicher Bruch mit den beiden
vorangegangenen Universitätsmodellen, die beide Gemeinwesen waren:


Die Humboldtsche Gelehrtenrepublik, auch wenn sie in Deutschland im XX. Jahrhundert zur
autoritären Ordinarienuniversität degeneriert war, hatte die Struktur einer durch Kooptation
rekrutierten aristokratischen Republik, in dem nur der Professorenstand Vollbürgerrechte genoss.
Dass die selbstherrlichen Ordinarien sich von den Nazis bereitwillig bis widerstandslos
gleichschalten ließen, hätte diese Struktur schon 1945 dringend reformbedürftig erscheinen lassen
müssen. Zu dieser Reform kam es aber erst mit der Studentenbewegung.


Auf ihren Druck hin wurde das aristokratische Gemeinwesen Professorenrepublik ersetzt durch ein
demokratischeres Gemeinwesen der Mitbestimmung aller an der Produktion von Forschung und
Lehre beteiligten Gruppen. Da das OSI, eben auch dieses Gebäude und dieser Hörsaal A, im Jahre
1968 ein wichtiger Ort grundsätzlicher Auseinandersetzung um die künftige Hochschulstruktur war,
will ich, gewissermaßen als Zeitzeuge, einige hier ausgetragene Debatten in Erinnerung rufen.


Konsens war damals, dass die Ordinarienuniversität demokratisiert werden müsse. Die radikalen
Linken forderten, dass Grundsatzentscheidungen über die Universität durch Vollversammlungen
oder Urabstimmungen, bei denen für alle Uni-Angehörigen das Prinzip one man one vote gelte, zu
fällen seien. Die gemäßigten sozialdemokratischen Reformer forderten, dass die
Mitentscheidungsrechte der Gruppen nach ihrer professionellen Kompetenz und auch nach der
Dauerhaftigkeit ihrer Bindung an die Uni gestaffelt würden. Dies berücksichtigend einigte man sich
auf die Drittelparität von ordentlichen Professoren (das waren damals am OSI 11), von
wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Mitarbeitern und von Studenten. Unbestritten war
dabei die Qualität des OSI als Gemeinwesen, also als Organisation mit einem ideellen Ziel, dessen
Angehörige trotz unterschiedlicher Gruppeninteressen möglichst demokratisch ihre Kooperation
organisieren. Das Gemeinwesen OSI sollte überdies dem Gemeinwesen „Gesellschaft“ dienen. Als
Ziel der am OSI betriebenen Wissenschaft wurde in der OSI-Satzung 1968 definiert:


„Das Institut untersucht in Forschung und Lehre die Gestaltung des öffentlichen Lebens unter
empirisch-analytischen und normativen Aspekten; es erarbeitet damit die Voraussetzungen für die
Erweiterung von Freiheit und Selbstbestimmung in allen Bereichen der Gesellschaft.“ [9]


Die OSI-Satzung, in der das stand, enthielt im übrigen zum ersten Mal in der deutschen
Universitätsgeschichte die Drittelparität und die Einrichtung von fachbezogenen Untereineinheiten
statt des alten Ordinarienprinzips, nach dem jeder Professor ohne Abstimmung mit seinen Kollegen
über die Inhalte seiner Forschung und seiner Lehre allein entschied. Vom OSI ausgehend wurde
damals die Mitbestimmung aller Gruppen zum Leitprinzip der Hochschulstrukturreformen in West-
Berlin und letztlich in allen Bundesländern. Die heute geschmähte „Gruppenuniversität“ ist hier, in
diesen Räumen, erfunden worden – und wir verteidigen sie viel zu schlecht und zu mutlos gegen
das Modell Lenzen/Wintermantel.


Dieses Modell der unternehmerischen Universität nimmt vollständig Abschied von der Idee und der
Tradition der Universität nicht nur als Gruppenuniversität sondern überhaupt als Gemeinwesen.
Dies zeigt sich beim FU-Präsidenten Lenzen auch am Geschichtsbild. Im Mai 2007 legte Lenzen
dem Akademischen Senat ein auf 10 Seiten formuliertes „Zukunftskonzept“ unter dem Titel „Freie
Universität Berlin – Internationale Netzwerkuniversität“ vor. [10] Darin gibt es zwei Rückblicke
auf die Geschichte der FU. Der erste verweist unter der Überschrift „Freiheitsgeschichte“ auf die
Gründung 1948 als „Antwort auf die Verfolgung und Ermordung systemkritischer Studenten der im
damaligen sowjetischen Sektor des geteilten Berlin befindlichen Universität unter den Linden (ab
1949 Humboldt Universität).“ (ebda. S. 1) Der Text geht weiter mit der internationalen
Unterstützung, die diese Gründung erhielt, und damit, dass die FU rasch eine der größten deutschen
Universitäten wurde, die heute mit der Humboldt-Universität vielfach kooperiert. Unter
„Freiheitsgeschichte“ wird also im wesentlichen mitgeteilt, dass die FU eine viel freiheitlichere
Tradition habe als die Humboldt-Universität, mit der sie ja derzeit um den Titel „Elite-Universität“
konkurriert. Ein schönes Beispiel dafür, wie der so hochgelobte Wettbewerb der Universitäten diese
zur Geschichtsklitterung, also zur Unwissenschaftlichkeit, verleitet.


Denn: Was unbedingt auch zur Freiheitsgeschichte unserer Universität gehört hätte, bleibt
unerwähnt, nämlich dass die FU von den „systemkritischen“ Studenten selber maßgeblich mit
gegründet wurde, während viele Professoren opportunistisch und zögerlich abwarteten, und dass
deshalb schon seit 1948 die Studierenden in allen Gremien der FU durch von ihnen gewählte
Repräsentanten vertreten waren. „Berliner Modell“ hieß dieser frühe Einstieg in die später so
getaufte „Gruppenuniversität“ damals, und die FU war stolz darauf.


Erst recht hätte zur Freiheitsgeschichte auch die führende Rolle der FU in der Studentenbewegung
und bei der Studien- und Hochschulreform der Jahre 1965-1969 gehört. Damals wurde im
Gemeinwesen FU heftig um verschiedene Freiheitsbegriffe gestritten. Niemand wird von dem
derzeitigen Präsidenten erwarten, dass er die damaligen Umbrüche und Reformen auch noch positiv
würdigt, aber sie einfach zu verschweigen, ist unredlich.


Es bleibt aber nicht beim Verschweigen. Im zweiten historischen Abschnitt des Zukunftspapiers,
unter der Überschrift „Reformuniversität“, wird der Begriff „Reform“ den Reformern früherer
Perioden schlicht entwendet. Nach der Vorlage des Präsidenten Lenzen wird die FU erst „nach der
Wende 1989, verstärkt aber seit 2000“ zur Reformuniversität. Was ist damit gemeint? Im Text heißt
es: „eine neue Grundordnung, ein new public management, (der) Bologna-Prozess, eine
profilbildende Strukturplanung, ein Qualitätsmanagementsystem, eine Verbesserung der
Einnahmesituation sowie technische und bauliche Modernisierungen“. Das passt gut in die zitierten
IPO-Richtlinien zur Börsenreife von Unternehmen. Es ist der marktliberale „Reform“-Begriff, um
dessen Alleingeltung sich die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft mit ihrem Fördermitglied
Lenzen nach Kräften und leider ziemlich erfolgreich bemüht.


In dieser Alleingeltung, in dieser Aneignung und Monopolisierung des Reformbegriffs durch
ignorante und arrogante Macht liegt für mich das Empörende: Dass andere früher unter Reform
etwas sehr anderes verstanden, nämlich Ausweitung von Demokratie und Gerechtigkeit, oder um es
mit der OSI-Satzung von 1968 zu sagen, „Erweiterung von Freiheit und Selbstbestimmung in allen
Bereichen der Gesellschaft“, wird historisch ausradiert, kommt im Selbstbild der Freien Universität
überhaupt nicht mehr vor. Hier wird diskursive Macht, hier wird geschichtspolitische
Deutungshoheit nicht nur angestrebt, sondern herrschaftlich-präsidial ausgeübt.


Dabei kommt es auf faktische Genauigkeit und Stimmigkeit nicht an. Zum Beispiel werden die
Reformen seit dem Jahre 2000 als Ursache für eine an der FU eingetretene massive Steigerung der
Forschungsleistungen genannt. Als erstes Beispiel für Fächer „mit der besten Performance“, vor
allem durch Drittmitteleinwerbung, Absolventenziffern und Promotionen, wird unser Fach
Politikwissenschaft genannt. Nun stand das OSI aber schon lange vor der Lenzenschen „Reform“
bei diesen Indikatoren, vor allem bei der Drittmitteleinwerbung – und zwar von anerkannten
Stiftungen und nicht von Privatunternehmen – vergleichsweise sehr gut da, ähnlich wie bei den
Promotionen; all dies hat mit Lenzens Managementsystemen, Profilbildungen und dem Bologna-
Prozess nicht das geringste zu tun. Eher schon damit, dass sich am OSI ein der Idee eines
wissenschaftlichen Gemeinwesens verpflichtetes, alle am Wissenschaftsprozess beteiligten Gruppen
umfassendes Ethos des legitimen politischen Streits und der Kooperation lange erhalten hat.
Ein genauerer Blick auf die Umwandlung der Freien Universität von einem Gemeinwesen in ein
vom Management geführtes Unternehmen zeigt auf der programmatischen Ebene eine Doppellogik
und eine entsprechende Doppelstruktur. Die schon benannte Problematik, dass die Produkte der
Universität ihren Marktwert gefährden, wenn die Uni zu einem Waren produzierenden
Unternehmen wie alle anderen wird und dabei ihren Anspruch unabhängiger, ja zweckfreier
Wahrheitssuche aufgibt, spiegelt sich in spezifischer Weise auch im FU-Zukunftskonzept 2007
wider.


Das Wort „Doppelstruktur“ gehört sogar zu den Leitbildern des Papiers. Sie wird wie folgt
beschrieben:


„Seit 2003 hat die Freie Universität eine Doppelstruktur entwickelt. Da Forschung auf
internationalem Niveau nur interdisziplinär geleistet werden kann, existiert neben der Struktur der
für die akademischen Angelegenheiten, insbesondere die Lehre, zuständigen Fachbereichsstruktur
eine Clusterstruktur der Forschungsschwerpunkte“ (ebd. S. 3)


Es lohnt sich, diese Selbstbeschreibung der FU genau zu betrachten. Es gibt also innerhalb der
Universität zwei Strukturen, die offenbar gleichwertig und gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Die eine Struktur, die herkömmliche, wird als „akademisch“ bezeichnet und hat vor allem mit der
Lehre zu tun. Diese Struktur wird auch „Fachbereichsstruktur“ genannt, was wohl heißen soll, dass
die Fachbereiche als Selbstverwaltungseinheiten in ihr weiterhin eine Rolle spielen sollen.
Die zweite, daneben stehende Struktur wird „Clusterstruktur“ genannt. Sie ist offensichtlich nicht
„akademisch“, hat mit der Lehre nichts zu tun und entzieht sich der herkömmlichen über die
Fachbereiche organisierten akademischen Selbstverwaltung. Diese Struktur besteht aus einem
Dreigestirn von „Zentren“, einem Zentrum für Clusterentwicklung, einem Zentrum für
Graduiertenstudien und einem Zentrum für internationalen Austausch. Alle drei „Zentren“ werden
„strategische Zentren“ genannt und sind Teil des zentralen Universitätsmanagements. Die
Begründung für die Einrichtung dieser zweiten Struktur lautet ganz einfach, dass Forschung auf
internationalem Niveau nur interdisziplinär geleistet werden könne.


Dies ist offensichtlich Unsinn: Es gibt hochspezialisierte monodiziplinäre internationale Netzwerke
und Zünfte von Forschern. Andererseits waren Interdisziplinarität und Internationalität schon immer
Prinzipien guter Wissenschaft, ihr Fehlen war schon immer ein Kritikpunkt an verkrusteten
Strukturen, z.B. an professoralen Erbhöfen. Früher hat man daraus aber keine Forderung nach
Umwandlung der Universität in ein Unternehmen abgeleitet, und schon gar nicht eine
„Doppelstruktur“ von einerseits akademischen, andererseits Forschungs-Angelegenheiten, die der
akademischen Selbstverwaltung zu entziehen seien, postuliert.


Mit Lenzens Doppelstruktur-Konzept wird die Einheit von Forschung und Lehre ausdrücklich
aufgekündigt. Mit diesem Konzept wird die Forschung explizit der Mitbestimmung der Gremien
der Gruppenuniversität entzogen. Und dies alles vollständig am geltenden Hochschulgesetz vorbei,
das mit seinen Experimentier- und Öffnungsklauseln zwar den Universitäten auch strukturelle
Umgestaltungsmöglichkeiten gibt – aber sicherlich nicht die, eine völlig demokratiefreie
Managementstruktur für die Forschung einfach durch präsidialen Ukas gleichberechtigt neben die
akademische Selbstverwaltung zu stellen.


Und so, als simples Nebeneinander der akademisch-gemeinwesenorientierten Struktur und der
Managementstruktur der Forschung, kann und soll es nach Lenzens Zukunftskonzept ja auch gar
nicht funktionieren. Der in der „Doppelstruktur“ liegende Widerspruch muss aufgelöst werden. Wie
das geschehen soll, ist unter der Überschrift „Steuerung des Zukunftsprojekts“ nachzulesen:
„Die Steuerung des Zukunftsprojekts geht vom Willen und der Expertise der
Wissenschaftler(innen) aus. Sie organisieren sich in den Focus areas und in den Clusters und
Forschungsschwerpunkten nach selbst gesetzten Richtlinien. Diese strikte bottom-up-Orientierung
ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit im wissenschaftlichen Bereich.“


Wer nun aufatmet, weil das System anscheinend doch von unten nach oben funktioniert und die
professionelle Autonomie respektiert, hat sich zu früh gefreut. Denn: Die Motivation der
Wissenschaftler(innen) ist halt nur der Ausgangspunkt, der Rohstoff. Dessen Verarbeitung
geschieht umgekehrt, „top-down“, nämlich so:


„Die Organisation des Prozesses im Sinne der Projektsteuerung obliegt einer Stabsgruppe des
Präsidenten, die auch für die Organisation der Evaluation in einem international üblichen
Regelkreismodell zuständig ist. Die Qualitätssicherung wird verstärkt durch eine mit der LMU “das
ist die schon auf dem Olymp der Elite-Unis angekommene Münchener Ludwigs-Maximilians-
Universität, B.Z.” vereinbarte Zusammenarbeit im Rahmen des Benchmarking-Prozesses. Die
wissenschaftliche Qualitätssicherung erfolgt durch die laufende Beratungstätigkeit des aus 25
Mitgliedern bestehenden Exzellenzrates für die Forschung der Universität sowie durch den
Internationalen Beirat im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit.“


Wir sollten genau verstehen, was uns hiermit verkündet ist: Der Prozess zur Gestaltung der Zukunft
der FU wird also gesteuert, und zwar vom Stab des präsidialen Chefmanagers und von Räten und
Beiräten aus auswärtigen Hochkommissaren, die dieser Präsident beruft und die die Marktposition
und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens FU und seiner Produkte, damit letztlich auch seines
Personals, ständig überprüfen, evaluieren, bewerten sollen.


Es folgt ein schmaler Satz: „Die gesetzlichen Zuständigkeiten der Organe der Freien Universität
(…) bleiben unberührt.“ Mit der salvatorischen Klausel „bleiben unberührt“ pflegen Juristen oft
eigentlich nicht mehr gewollte, leider formal noch geltende, demnächst möglichst abzuschaffende
Normen zu kennzeichnen. Klar ist jedenfalls, dass im Zweifelsfall die Steuerung durch das zentrale
Management sich gegenüber jedwedem Eigensinn der professionellen Wissenschaftler durchsetzt.
Noch eine Bemerkung zum Begriff „Netzwerk“, der in Lenzens Papier zentral ist. Der Begriff ist
entlehnt von den Alternativbewegungen und ihrem antihierarchischen und antizentralistischen
Anspruch aus dem 70er und 80er Jahren. Für das Lenzensche Konzept lässt sich dagegen der
antizentralistische Anspruch mit „Markt“ übersetzen, und der antihierarchische Anspruch wird
aufgelöst in Richtung der Konkurrenz zwischen intern hierarchisch strukturierten Einheiten, eine
Konkurrenz, die, sonst wäre es ja kein „Netzwerk“, durch vielfältige klüngelartige und
seilschaftliche Privatverbindungen unter den Hierarchen gemindert wird – eigentlich genau so wie
in der alten Ordinarienuniversität. Ähnlich wie beim Begriff „Reform“ wird auch beim ursprünglich
hierarchie- und marktkritisch gemeinten Begriff „Netzwerk“ eine vollkommen marktradikale
Umdefinition vorgenommen.


Auch in anderen öffentlichen Äußerungen scheut sich der FU-Präsident nicht, sich klar zum
Vorrang des Managementprinzips vor dem externen und internen Demokratieprinzip zu bekennen.
Das wird in einem Streitgespräch zwischen ihm und dem damaligen Wissenschaftssenator Thomas
Flierl deutlich, das der „Tagesspiegel“ am 12.9.2005 dokumentiert. Da hier der Kern der
Kontroverse getroffen wird, zitiere ich ausführlich.


LENZEN: Wenn man einen Wettbewerb zwischen den Universitäten wünscht, dann gehört
natürlich dazu, dass diejenigen, die für die Institution verantwortlich sind, auch die Personalpolitik
machen können. In erster Linie die Fachleute aus den Fachbereichen. Die gesamtstrategische
Steuerung muss in die Hände der Hochschulleitungen, also der Dekanate und Präsidien, gebracht
werden. Denn die Gesamtlinie einer Uni kann nicht von einer Berufungskommission überblickt
werden. Kein Mensch käme auf die Idee, die Bereichsleiter bei Mercedes durch den
Wirtschaftsminister oder die Belegschaft auswählen zu lassen. Oder nehmen wir den
Exzellenzwettbewerb. Der wird zu einer einzigartigen Verschiebung von Schwerpunkten in den
Universitäten führen. Deshalb haben DFG und Wissenschaftsrat den Hochschulleitungen als
Antragstellern eine besondere Rolle zugewiesen.


FLIERL: Ich kann verstehen, dass aus der Sicht eines Präsidenten unternehmensähnliche
Steuerungsmodelle beispielgebend sind. Aber es kann nicht sein, dass sich Präsidialregime
entwickeln, die sich über die Gremien hinwegsetzen. Es gab ja das böse Wort von Gerhard Casper,
dem ehemaligen Stanford-Präsidenten, Demokratie habe an den Hochschulen nichts zu suchen. Ich
sage: Autonomie als Selbstzweck bringt nichts. Das führt nur zu stärkerer Hierarchisierung in der
Hochschule und zur stärkeren Auslieferung an Partner, die nicht unmittelbar das öffentliche
Interesse vertreten. Autonomie kann nur mit doppelter Demokratisierung verbunden sein, nach
innen und gegenüber der Gesellschaft.“ (Tagesspiegel, 12.09.2005, S. 25)
Lenzen und Flierl haben die Sache präzise auf den Punkt gebracht. Flierl verteidigt das
Gemeinwesen Universität im Rahmen des größeren demokratischen Gemeinwesens. Lenzen kennt
nur ein Modell: Mercedes, den privaten Weltkonzern. Thomas Flierl war ein Senator, dessen
Einsichtsvermögen leider nicht von entsprechendem Durchsetzungsvermögen begleitet war.
Am Ende des Streitgesprächs spitzt Lenzen seine marktradikale Botschaft noch einmal zu:
Ich kann nur hoffen, dass wir nicht noch einmal in eine Grundsatzdebatte über die Funktion der
Hochschulen hineingezogen werden. Wir müssen in den nächsten zwei Jahren alle Kräfte auf den
Exzellenzwettbewerb konzentrieren. Daher kann ich nur appellieren, das Thema ein für allemal zu
beenden und die Wettbewerbsfähigkeit der Berliner Universitäten nicht weiter zu gefährden.“
(Ebda.)


Dies ist nun ein offener Angriff auf intellektuelle Selbstreflexion, auf sich selbst zum Gegenstand
machende Wissenschaft, auf kritische Wissenschaft überhaupt. Selbstreflexion, Selbstzweifel gar,
gefährden die Marktchancen seines Unternehmens. Deshalb möchte Lenzen solche
Grundsatzdebatten unterbinden, und zwar nicht nur in den nächsten zwei Jahren, während die
Konkurrenz um die Exzellenz tobt und alle Kräfte bindet, sondern „ein für allemal“. Warum? Na
klar: Die Konkurrenz wird ewig weiter gehen, und deshalb hat der Chefmanager immer Grund, die
Mitarbeiter zum äußersten Einsatz im Kampf um Marktanteile anzufeuern und sie von jedem
intellektuellen Zweifel an dem Sinn ihres Tuns abzuhalten. Schon vor 6 Jahren haben kluge
Beobachter der französischen Szene diese Haltung als „Anwachsen eines wahrhaftigen Anti-
Intellektualismus“ unter Akademikern und Universitätslehrern beschrieben. [11] Unter Lenzen wird
dieser Anti-Intellektualismus zum Programm gemacht.


3.2. Die Praxis der Unternehmisierung der FU Berlin
Der nächste Abschnitt dieses Vortrags sollte sich eigentlich mit Widersprüchen zwischen
Programm und Realität beschäftigen, etwa in dem Sinne, dass das Programm der Lenzenschen
„Reformuniversität“ noch eine reale Doppelstruktur enthält mit
• einerseits Mitbestimmung, Chancen für selbständige Wissenschaft und Selbstreflexion,
professionelle Autonomie, Wahrheitssuche um ihrer selbst willen
• und andererseits eben Wettbewerbsfähigkeit, Markt, Konkurrenz, kurzum Modell
Privatunternehmen à la Mercedes.


Das genaue Nachlesen der Lenzenschen Programme hat mir da die Illusionen gründlich
ausgetrieben. Es gibt keinen Widerspruch zwischen Programm und Realität an der FU. Die Praxis
ist ganz einfach: Die in der Doppelstruktur angelegten Widersprüche werden, wenn’s drauf
ankommt, regelmäßig und ausnahmslos zugunsten der Leitung und ihrer „umfassenden
Entscheidungsbefugnis“ (Wintermantel) aufgelöst. Der Wille des Präsidenten, des Generalmanagers
(bei der Vorliebe dieser Manager für das Englische als Herrschaftssprache verwundert es, dass sie
sich nicht längst selbst als CEO, als Chief Executive Officer, bezeichnen) ist oberstes Gesetz.
Wenn ich diese Praxis jetzt anhand eigener Erfahrungen beschreibe, dann zur Illustration eines
Befundes, der mich selbst überrascht und nachträglich beschämt – nämlich dass die sogenannte
akademische Selbstverwaltung, als ich in ihr noch eifrig tätig war, schon längst durch die
Lenzenschen „Reformen“, durch das Prinzip der Umwandlung des Gemeinwesens Universität in
einen privatwirtschaftlichen Betrieb, entsubstantialisiert und entfunktionalisert war.


Ich war am OSI Geschäftsführender Direktor, lange Jahre Vorsitzender des Prüfungsausschusses,
Mitglied des Instituts- und des Fachbereichsrats. Ich erlebte in diesen Funktionen zum Beispiel
folgendes:


• Fachlich begründete und beschlossene Vorschläge des OSI zur Ernennung bestimmter
Personen zu außerplanmäßigen Professoren wurden vom dafür zuständigen Ersten
Vizepräsidenten nach eigenen Vorlieben umgeordnet. Die Begründung dafür lautete, sofern
die Fachvertreter überhaupt des Empfangs einer Begründung für würdig erachtet wurden,
dass das Präsidium besser als das OSI überblicken könne, welche Berufungen dem von der
Universitätsleitung angestrebten Profil am besten entsprächen. Da gab es dann auch
Empfehlungen aus dem FU-Präsidium, etwa: Schlagt doch lieber Herrn A als Frau B vor!
Herr A hat sich in den Medien einen Namen gemacht! oder: Wenn das OSI zwei Grüne
benennt, ist das zuviel!


• Durch Kommissionen erarbeitete Vorschlagslisten für die Besetzung von Dauer-Professuren
– und die sind selbstverständlich für die Zukunft des Instituts noch viel wichtiger als die
zuvor genannten apl. Professuren – wurden vom Präsidium ebenfalls mit derselben
Begründung – „Wir als Uni-Leitung sind zuständig fürs Profil“ – angehalten,
zurückgewiesen, gestoppt, zurückgezogen, statt, wie es sich bei Respektierung der
Fachkompetenz gehört hätte, an den für die Berufung zuständigen Senator weitergeleitet.


• Das Prinzip der Selbstfinanzierung wurde auch jenen Service-Einrichtungen der FU
aufgezwungen, die nach einem vor-neoliberalen Verständnis eine Bringschuld gegenüber
der Gesellschaft haben, etwa der Kooperationsstelle FU-DGB. Diese Kooperationsstelle
kann seit dem Wandel zu Lenzens „Reformuniversität“ Angebote für Arbeitnehmer nur
noch dann machen, wenn die Kosten von den Arbeitgebern oder von den Teilnehmern selbst
bezahlt werden.


• Bei der Beantragung von größeren Forschungsprojekten aus den Fachbereichen ist die
Unterstützung durch den Präsidenten ein entscheidendes Kriterium für die Förderung dieses
Projekts durch Drittmittelgeber, etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft; mithin müssen
sich die Wissenschaftler als Antragsteller nicht nur um die Qualität ihres Vorhabens,
sondern auch um das politische Wohlwollen der Universitätsleitung bemühen;


• Bei der Planung für die „Lange Nacht der Wissenschaft“ vor einigen Jahren wurde eine
Initiative aus dem Fachbereich, geplant von Peter Grottian gemeinsam mit anderen
Dozenten und Studierenden, deshalb gestoppt, weil der Präsident, in seiner übergeordneten
Zuständigkeit für das Profil der FU, Grottian schlicht nicht wollte. Also verbot er einfach
diese Initiative, und der damalige Dekan stellte diesen Befehl ebenso einfach durch. (Es ist
ja bei Lenzen, wie im Tagesspiegel-Streitgespräch 2005 klar wurde, für die Dekane die
Rolle eines Fachbereichs- oder Abteilungsleiters wie bei Mercedes vorgesehen. Der
damalige Dekan ist dieser Rolle voll gerecht geworden.)


Wie in einem Wirtschaftsunternehmen muss man sich also „mit denen da oben“ gut stellen, sonst
wird man nichts, sonst kriegt man nichts, sonst ist man ein „loser“.
Schon bevor Präsident Lenzen die Umwandlung der FU nach dem „Modell Mercedes“ zum
obersten Entwicklungsziel erklärt hatte, gab es zwei grundlegende Umbrüche der Freien Universität
in Richtung auf privatwirtschaftliche Strukturen – die Zielvereinbarungen der Fachbereiche mit
dem Präsidium und die Einrichtung von Kostenstellen für die einzelnen Wissenschaftsproduzenten,
d.h. für Professoren.


• In den Zielvereinbarungen zwischen dem Präsidenten und den Dekanen der Fachbereiche
wird entsprechend den Ideen der Zentrale festgelegt, was die Fachbereiche tun sollen –
wenn nicht, erhalten sie weniger Haushaltsmittel. Gewiss kann dabei den Fachbereichen im
Prinzip ebenso Sinnvolles wie Unsinniges auferlegt werden, etwa: Frauenförderung oder
aber, im Fall des OSI und seiner Berufsfeldorientierung im Hauptstudium besonders
unsinnig: Reduzierung der Lehraufträge von Praktikern. Ob Sinnvolles oder Unfug
begünstigt wird, entscheidet aber nicht die Fakultät nach ihren fachlichen Gesichtspunkten,
sondern die Zentrale, und die entscheidet nicht nach generellen Richtlinien, sondern nach
Gutdünken im Einzelfall. An die Stelle des allgemeinen Gesetzes tritt der Vertrag als
privatrechtliches Instrument, so wie schon bei den Verträgen des Senats von Berlin mit den
einzelnen Hochschulen über deren Finanzierung. Aber während diese Verträge wenigstens
formal noch einer Ratifizierung durch das Landesparlament bedürfen, sind die analogen
„Zielvereinbarungen“ auf der nächst unteren Ebene, also zwischen dem
Universitätspräsidium und den Fachbereichen, weitgehend geheime Vereinbarungen
zwischen Chefs, die sich nicht in die Karten gucken lassen. Mehrere geschäftsführende
Direktoren des OSI haben Kämpfe gegen die Dekane ausgefochten, allein darum, dass sie
und die gewählten Gremien an der Abfassung solcher Zielvereinbarungen beteiligt wurden.
Ein früherer Dekan verweigerte dem Institutsrat des OSI sogar die Information über den
Inhalt der zwischen ihm und dem Präsidenten abgeschlossenen Zielvereinbarung, obwohl
dieser Inhalt die Geschäftsgrundlage für den Institutshaushalt war. In der politischen Theorie
und der Verfassungstheorie gibt es den Unterschied zwischen Gesetzen, die vom Parlament
zu beschließen sind, und Verträgen, die vom Parlament nur noch ratifiziert – oder eben auch
abgelehnt – werden können. Dann gibt es noch, bei ausdrücklicher Ermächtigung, Verträge,
die nicht der Ratifizierung bedürfen, aber immerhin den Parlamenten zugänglich sein
müssen. Geheimverträge, die keinem demokratisch bestellten Kontrollgremium mehr
vorgelegt werden müssen und dennoch gelten, gibt es nur in Privatunternehmen oder in
Diktaturen.


• Vor Lenzen eingeführt wurde an der FU auch das System der Kostenstellen, das den
Professoren nach Leistungspunkten Haushaltsmittel zu ihrer zur persönlichen Verfügung
bereitstellt – auch dies ein Schritt zur internen Ökonomisierung, zur Verschärfung der
Konkurrenz zwischen den Professoren, zur Erschwerung von Kooperation und
Interdisziplinarität und zur Erhöhung der Hierarchie innerhalb der Lehrstühle, also der
Herrschaft der Professoren über ihre Mitarbeiter. Dies bedeutete einerseits die
Wiedereinführung des Ordinarienprinzips, andererseits wurde an die Stelle der kollektiven
Regierung des Professorenstandes die Konkurrenz zwischen den professoralen
Unternehmern um verknappte Mittel gesetzt. Hier wurde etwas versucht, was man
heutzutage „hybrid“ zu nennen pflegt: Eine Kombination von Restauration der
Ständegesellschaft mit marktradikalem Konkurrenzprinzip.


Alle diese Schritte zur Entmachtung der demokratisch gewählten Gremien wurden von diesen
Gremien selbst beschlossen. Sie waren anscheinend überzeugt davon, dass „mehr Warenproduktion,
mehr Wettbewerb, mehr Herrschaft des Managements“ besser ist als ihre eigene Mitbestimmung.
Insofern gibt es eine doppelte Parallele zu Deutschland im Jahre 1933, als die Demokratie sich
durch ermächtigenden Mehrheitsbeschluss für eine Diktatur selbst abschaffte: Erstens waren die
Demokraten zu schwach und zerstritten, und zweitens war die öffentliche Stimmung gegen die
Demokratie, veranstaltet unter anderem von den Medien und unterstützt von wichtigen
Unternehmern wie damals Hugenberg, zu stark.


Nicht die Folgen – ich denke nicht daran, den neoliberalen Markttotalitarismus in Ideologie oder
Praxis mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen –, wohl aber die Mechanismen der
Nichtverteidigung der Demokratie, der Abdankung von Selbst- und Mitbestimmung aus
Karrieregründen und Charakterlosigkeit, sind ziemlich ähnlich.


Ich meine diesen Vergleich auch selbstkritisch, was meine Generation von Wissenschaftlern, von
linken Wissenschaftern, von 68ern, angeht: Wir haben es nicht geschafft, die demokratische, die
Mitbestimmungsuniversität, die wir schon glaubten, erkämpft zu haben, auf Dauer zu stellen. Aber
um das zu erreichen, hätte unsere Generation an den Unis sich besser solidarisch organisieren, und
nicht nur „vernetzen“ müssen. „Vernetzen“ – als Prinzip der Kooperation jenseits von Hierarchie
und Markt gedacht – fanden alle immer großartig. Was bei der Vernetzungsidee indessen immer
fehlte, war die Verbindlichkeit. Jeder nutzt das Netz nach eigenen Bedürfnissen. Wenn es aber
darum geht, zur Abwehr von diktatorischen Übergriffen zusammenzustehen, reicht die Vernetzung
nicht aus. Das Vorhandensein eines Netzes ist eine gute Voraussetzung für Solidarität – aber es
kann sie nicht ersetzen.


Insgesamt: Wenn ich der Humboldtschen Professorenrepublik vorwerfe, sich in den Jahren 1933ff.
widerstandslos dem Nationalsozialismus an den Hals geworfen zu haben, dann werfe ich der von
meiner Generation bestimmten demokratisierten Gruppenuniversität vor, sich in den 90er Jahren
ebenso widerstandslos der Umwandlung ihrer Universitäten in Privatunternehmen gebeugt zu
haben.


Um es in den Worten des Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann zu sagen, dessen luzide
Streitschrift „Theorie der Unbildung“ ich dringend zur Lektüre empfehle:
„Wer zusieht, wie Universitätsfunktionäre jede noch so dumme Phrase aus dem Repertoire der
Heilslehren des New Management beflissen adorieren, muß sich über die einstige Willfährigkeit der
Intelligenz gegenüber anderen ideologischen und totalitären Versuchungen nicht mehr wundern.“
[12]


4. Widersprüche und Widerstände: Was lässt sich tun?


Zum Schluss soll die Frage nach Widersprüchen und möglichen Widerständen im beschriebenen
Prozess der Umwandlung vom Gemeinwesen zum Privatunternehmen erörtert werden – bei der hier
gebotenen Kürze notwendigerweise ein wenig schematisch. Von „Widerspruch“ spreche ich, wenn
innerhalb eines Prozesses unterschiedliche Funktions- und Handlungslogiken aufeinanderstoßen
und das System durcheinanderbringen. Von „Widerstand“ ist die Rede, wenn Widersprüche zum
Gegenstand subjektiven Handelns von sozialen Akteuren werden. [13]


Etliche im System der unternehmerischen Universität angelegten Widersprüche wurden bereits
benannt:


• Eine Wissenschaftsproduktion, die das Streben nach Wahrheit dem Markterfolg unterordnet,
könnte ihren eigenen Gebrauchswert ruinieren.


• Der industrialisierten Wissensproduktion könnte die handwerkliche Kreativität abhanden
kommen.


• Ebenso könnte die Abdrängung der professionellen Autonomie der
Wissenschaftsproduzenten in eine Nischenexistenz die Kreativität und die Produktivität
gefährden.


• Die ihrerseits privat verfassten und private ökonomische Interessen verfolgenden Agenturen
des Coaching, Controlling, Monitoring, Ranking, Benchmarking etc. und der
Akkreditierung könnten sich als unwirksam, chaotisch und in höchstem Maße selber
überwachungs- und regulierungsbedürftig erweisen.


• Auch ein systemtheoretischer Blick im Gefolge Luhmanns lässt Reibungen und
Kommunikationsstörungen erwarten, wenn der kommunikative Code der Ökonomie
besinnungslos auf das System Wissenschaft übertragen wird. Nicht alle Dekane werden es
z.B. als Ehre ansehen, wie ein „Bereichsleiter bei Mercedes“ behandelt zu werden.


• Studierende, die als Käufer und Kunden von Wissenschaft bzw. Ausbildung auftreten,
werden auf schlechte Lehre, für die sie nun auch noch bezahlen müssen, vielleicht mit mehr
Wut als bisher reagieren.


• Auch rein betriebswirtschaftlich gesehen steht die Unterwerfung der Wissenschaft unter
reale oder real-simulierte Marktmechanismen, etwa: permanente Berichtspflichten,
Evaluationen etc., der Konzentration der Wissenschaftler auf ihre eigenen
wissenschaftlichen Leistungen entgegen.
Obwohl es also systeminterne Widersprüche gibt, die Zweifel am Funktionieren des Projekts der
Unternehmisierung der Hochschulen nähren, ist Vorsicht geboten bei dem Versuch, aus diesen
Widersprüchen Hoffnung auf eine positive, demokratische und wissenschaftsgerechte Umkehrung
der beschriebenen Entwicklung abzuleiten. Der Widerspruch wird keineswegs von selbst zum
Widerstand.


• Denn zum einen drängen die Widersprüche nicht alle in dieselbe Richtung. So führt die Wut
des Kunden über schlechte Warenqualität keineswegs automatisch zum Wunsch nach
qualitativer Veränderung der Ware. Wer sich als Student empört, an der Uni zu wenig
Karrieretaugliches zu lernen, wird deshalb nicht nach mehr wahrheitssuchender und
kritischer Wissenschaft verlangen, sondern im Zweifel eine noch marktgerechtere
Ausbildung fordern.


• Zweitens kann das System darauf verweisen, dass es noch nicht perfekt sei, und dass noch
mehr Unternehmisierung, noch mehr Wettbewerb, Kundenorientierung und Management die
Lösung der bisher aufgetretenen Probleme sei. So gebiert das Scheitern der ersten „Reform“
die zweite „Reform“, und die Entwicklung in dieselbe Richtung wird noch beschleunigt. Es
ist überhaupt ein Kennzeichen der marktradikalen Ideologie, dass sie in allen Bereichen, vor
allem bei der Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit, auf den empirischen Beweis des
Versagens ihrer Rezepte mit der Forderung nach „noch mehr Markt“ reagiert. Diese
Strategie der Selbstimmunisierung der neoliberalen Religion gegen empirische Widerlegung
wird auch als Reaktion auf Misserfolge und Systemwidersprüche im Wissenschaftsbereich
bisher erfolgreich angewandt.


• Drittens wäre es ein Fehler, dem Wissenschaftssystem selber eine besonders kräftige
Widerstandspotenz zu unterstellen. Dazu noch einmal ein Zitat von Konrad Paul Liessmann:
„Gerade dass die modernen Wissenschaften seit ihrer Etablierung unter unterschiedlichsten
gesellschaftlichen Bedingungen klaglos funktionierten – im liberalen Amerika so gut wie im
nationalsozialistischen Deutschland, in der stalinistischen Sowjetunion so gut wie im
autoritären China –, sollte vorsichtig gegenüber der These stimmen, dass es die Produktion,
Verteilung und Verwertung von Wissen selbst ist, die die Kraft haben könnte, eine
Gesellschaft zu formieren.“ (Liessmann 2006, S.48)


Auch wenn sich aus den Widersprüchen trotz dieser Schwierigkeiten ein Widerstand ergäbe, könnte
es sein, dass er chancenlos wäre. Die marktradikalen Umstrukturierungen der Wissenschaft könnten
ja, obwohl Ergebnis politischer Entscheidungen, unumkehrbar gemacht worden sein. Haben wir es
mit einem „Lock-in-Effekt“ zu tun, bei dem ursprünglich vorhandene Alternativen systematisch
vernichtet wurden und werden? Elmar Altvater hat das kürzlich so beschrieben: „Dem Tina-Wort
“Margaret Thatchers: „There is no alternative“, B.Z.” folgen also Tina-Taten. Neben der gezielten
Blockade von Alternativen heißt dies insbesondere die Errichtung von Sachzwängen, an denen
alternative Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik und Versuche des Ausscherens aus der Logik des
Marktes scheitern sollen.“ [14]


Für die Lock-in-Vermutung sprechen im Wissenschaftsbereich vor allem die internationalen und
globalen Rahmenbedingungen, etwa GATS, TRIPS, die weltweit den Staaten umfangreiche
Liberalisierungen, Privatisierungen, Marktöffnungen für private Anbieter auch im Bildungsbereich
aufzwingen oder nahelegen, und der europäische „Bologna-Prozess“, der durch die
Selbstverpflichtung zur Angleichung der Hochschulabschlüsse zu einer Kommodifizierung von
Bildungsleistungen, z.B. durch ECTS-Punkte für inhaltlich sehr Verschiedenes, beiträgt. [15]
Dagegen spricht, dass gerade im Bereich von Bildung und Wissenschaft nicht zu sehen ist, warum
einmal getroffene politische Entscheidungen nicht erneut politisch zur Debatte gestellt werden und
revidierbar sein können sollen. Schließlich geht es hier bei den Entscheidern und beim
Entscheidungsgegenstand in besonderer Weise um Subjektives, um Wissen, Denken,
Überzeugungen – um Geist. Geist zur Ware zu machen, das wird mit Macht versucht – aber das
Gelingen ist weniger sicher als bei anderen Waren. Es kommt sehr stark auf Deutungen an und
darauf, wer die Deutungshoheit hat.


So wäre zum Beispiel die Ökonomisierung der universitären Wissenschaft im Sinne des Modells
der „unternehmerischen Universität“ samt der Zweckverschiebung von der Produktion öffentlicher
Güter zur Warenproduktion in den 60er, 70er und 80er Jahren noch nicht möglich gewesen. Wer
damals ein Programm der Universität als Wirtschaftsunternehmen à la Mercedes propagiert hätte,
den hätte man bildungspolitisch und bildungstheoretisch als unseriös angesehen.
Das Lenzensche Programm setzt eine neoliberale Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs voraus,
die erst in den 80er Jahren errungen wurde. [16] Bis dahin haben auch die Konservativen die
Wissenschaft als öffentliches Gut angesehen – und dieses Gut sogar gegen vermeintliche
Eroberungsversuche durch Linke, Marxisten, Gewerkschafter etc. zum Teil mit großem
propagandistischen Aufwand zu verteidigen versucht – so etwa die „Notgemeinschaft für eine Freie
Universität“ mit Aufrufen gegen die Gefahr, die FU Berlin würde von „Hammer und Sichel“
beherrscht. Heute haben nur wenige Konservative noch etwas dagegen, wenn Universitäten vom
Mercedes-Stern geprägt werden – und die Gewerkschaften begleiten den „Bologna-Prozess“
positiv, statt sich gegen die Durchmarktung der Wissenschaft zu wehren.
Dennoch: Auf Deutungen, auf den Kampf um Hegemonie kommt es an, und da er nicht zu Ende ist,
gilt auch das TINA-Prinzip nicht – in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik schon gar nicht.
Allerdings kann der Kampf um eine nicht mehr marktradikale Deutungshoheit nicht auf diesem
Politikfeld allein und nicht in einem Lande geführt werden. Ich denke dass es eine internationale
Gegenbewegung geben kann und muss, bei der insbesondere die Studenten eine große Rolle spielen
können.


Ein ganz wichtiges Ziel, wenn nicht sogar das Hauptziel des ganzen Programms zur
Ökonomisierung der Wissenschaft scheint mir zu sein, die Studentinnen und Studenten, dieses in
jeder Gesellschaft immer wieder nachwachsende Potential an Infragestellung und zuweilen auch an
Rebellion, dauerhaft karrieristisch ruhig zu stellen. Da die Nachfrage nach akademischer
Qualifikation im Beschäftigungssystem prinzipiell nicht vorhersagbar ist, lässt sich auch die
karrieristische Kalmierung nicht wirklich reibungslos planen. Sie wird auch deshalb nicht gelingen,
weil die Studierenden, jedenfalls in den Wissenschaften, deren Aneignung nur bei selbständigem
Denken der Lernenden funktionieren kann, niemals daran zu hindern sind, selbstständig weiter und
über gesetzte Grenzen hinaus zu denken. Einen solchen Überschuss des erlernten Denkvermögens
über die gebrauchte Qualifikation, ein „überschüssiges Bewusstsein“ hat schon Rudolf Bahro in
seiner Kritik des Staatssozialismus als ein Problem des Systems und ein Ferment der Veränderung
beschrieben. [17] Es ist sicherlich auch nicht falsch, Studierenden überall auf der Welt, ob in
Berkeley, Bogotá, Berlin oder Beijing, eine besonders große Bereitschaft zur Suche nach Sinn und
zur Kooperation statt Konkurrenz zu unterstellen.


Allerdings gilt es hier illusionslos soziologisch zu analysieren: Studiert wird mit dem Ziel, die
eigenen Berufs- und Karrierechancen zu verbessern, sich also in der Konkurrenz besser als andere
zu positionieren. Mag das bei den Studierenden noch zu einem ambivalenten Selbst- und
Lebensverständnis von einerseits Altruismus/Solidarität und andererseits rein individuellem
Karrierestreben führen – bei ihren akademischen Lehrern ist diese Ambivalenz fast immer zur Seite
der Karriere hin aufgelöst.


Bei den Universitätswissenschaftlern besteht eine strukturbedingte Unfähigkeit zu solidarischem
Handeln. Ihnen wird im Zuge ihres Aufstiegs Konkurrenz als Habitus ansozialisert und
Solidaritätsbedürfnisse werden wegsozialisert. Man muss auf jeden Fall besser sein als die oder der
andere. Was es unter den individuell auf Konkurrenz gegeneinander ausgerichteten
WissenschaftskarrieristenÍnnen gibt, sind nicht-solidarische Gruppenzusammenschlüsse von stets
prekärer Art: Seilschaften und Zitierkartelle. Das heißt: Jeder kann jeden fallen lassen, wenn es ihm
gerade opportun erscheint.


Und wer sich in diesem Kampf als Gewinner erweist, der darf sich noch rühmen, aus dem edlen
Wettstreit als Bester hervorgegangen zu sein. Wer dieses Erfolgserlebnis hinter sich hat, wird dann
auch das ganze Konkurrenzsystem für gerecht, und, wenn er besonders bequem denkt, sogar für
„objektiv“ halten.


In der Wissenschaft aufgestiegene Menschen, vor allem die Professoren, sind daher im allgemeinen
sozial sehr viel dümmer als etwa Fabrikarbeiter, die ziemlich früh durch Erfahrung lernen, dass es
ihnen schlechter geht, wenn sie nur für sich ihr Glück versuchen, statt sich zusammenzuschließen:
Allein machen sie dich ein, lautet die Formel für diese Solidarität.


Der Normal-Wissenschaftler macht in seiner Karriere vielleicht noch die Erfahrung, dass er „allein
eingemacht“ wird, aber nicht die Gegenerfahrung, dass sich dagegen Solidarität organisieren lässt.
Ich dagegen hatte das Glück, diese Gegenerfahrung gleich zweimal machen zu können: In der
solidarischen, die eigene berufliche Existenz riskierenden Gruppe von linken Journalisten beim
„Spiegel“, und dann in der SAZ, der Sozialistischen Assistentenzelle am OSI, ohne die ich, wie
gesagt, nicht Professor am OSI geworden wäre.


Ich weiß nicht wirklich, was sich daraus lernen lässt. Ich wünsche dem Projekt des Chefmanagers
Lenzen, das alle in ruinöse Konkurrenzen treibt, von Kopf und von Herzen den Zusammenbruch an
seinen eigenen Widersprüchen und, noch besser: an bewussten Widerständen. Ich wünsche mir,
dass es eine solidarische Wissenschaftlergruppe ähnlich der SAZ wieder gäbe. Diese Gruppe
müsste sich überhaupt nicht mehr „sozialistisch“ nennen, aber sie müsste die Idee der Solidarität
gegen das menschenfeindliche und gesellschaftszerstörende Konkurrenzprinzip verteidigen und
vertreten. Das Schweigen der Lämmer kann doch keine Perspektive sein!


Meine Antwort auf die Frage nach der Möglichkeit und Unmöglichkeit, ein solidarisch handelnder
Wissenschaftler zu sein, die ich am Anfang gestellt habe, ist also klar: Es gibt keine Unmöglichkeit,
sondern nur eine geringe Wahrscheinlichkeit, dass Wissenschaftler sich solidarisch verhalten. Diese
Wahrscheinlichkeit wird größer, wenn Solidarität als soziale Norm auch in anderen
Gesellschaftsbereichen wieder an Geltung gewinnt. Und wenn Wissenschaftler, die wissen, dass
keine Gesellschaft ohne Solidarität überleben kann, diese Erkenntnis auch auf sich selber beziehen.
Und wenn schließlich die Studierenden es sich nicht bieten lassen, in einen gnadenlosen
Konkurrenzkampf gegeneinander getrieben zu werden, sondern an dem Anspruch einer tendenziell
universal-menschenrechtlich ausgerichteten Solidarität festhalten. Die Proteste gegen den G8-
Gipfel in diesem Jahr und auch die von den Studierenden des OSI dazu in diesem Semester
selbständig organisierten Veranstaltungen geben mir Hoffnung, dass die „unternehmerische
Universität“ nicht das Ende der Universitätsgeschichte ist.


Dankeschön

BZ
[«1] Vgl. Bodo Zeuner: Veto gegen Augstein. Der Kampf in der „Spiegel“-Redaktion um
Mitbestimmung, Hoffmann und Campe, Hamburg 1972
[«2] Ich zitiere wörtlich samt Fehlern aus dem „IPO-Test“, http://deutsche-boerse.com; download
v.24.4.2007. Die Beherrschung der deutschen Sprache gehört offensichtlich nicht zu den Kriterien
für Börsenfitness.
[«3] So Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff lt. BerliNews vom 23.11.2006
[«4] FU-Pressemitteilung Nr. 261 aus 2006
[«5] Rudolf Speth: Die politischen Strategien der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft,
Düsseldorf (Hans-Böckler-Stiftung) 2004, S. 43
[«6] vgl. z.B. Ursula Link-Heer: Die neue Hochschulfreiheit. Nach Diktat reformiert und
verbetriebswirtschaftlicht. In kultuRRevolution Nr. 52, April 2007, S. 60-61
[«7] Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft, Paul
Zsolnay Verlag Wien 2006, S.38
[«8] Wolf Wagner: Uni-Angst und Uni-Bluff. Wie studieren und sich nicht verlieren, Rotbuch-
Verlag Berlin 1977
[«9] zit. nach Martin Wildermuth: Reform und Konflikt am Otto-Suhr-Institut 1968 bis 1972. In:
Kontinuitäten und Brüche in der deutschen Politikwissenschaft, hg. v. Gerhard Göhler und Bodo
Zeuner, Nomos Baden-Baden 1991, S. 199-220, Zit. S. 205
[«10] FU Berlin: Internationale Netzwerkuniversität. Das Zukunftskonzept der Freien Universität
für die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder im Überblick, Ms., Mai 2007 (im folgenden
zit. als FU-Zukunftskonzept 2007)
[«11] Alain Accardo, Philippe Corcuff: Kapitulieren die Intelektuellen? In: LE MONDE
diplomatique, März 2001.
[«12] Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft, Paul
Zsolnay Verlag Wien 2006, S. 47
[«13] Vgl. Bodo Zeuner: Widerspruch, Widerstand, Solidarität und Entgrenzung – neue und alte
Probleme der deutschen Gewerkschaften. In: Kritische Theorie im gesellschaftlichen
Strukturwandel, hg.v. Joachim Beerhorst, Alex Demirovic und Michael Guggemos, Suhrkamp
Frankfurt 2004, S. 318-353
[«14] Elmar Altvater: Solidarisches Wirtschaften: prekär oder emanzipativ? In: Solidarische
Ökonomie, hg. von Elmar Altvater und Nicola Sekler, Reader des Wissenschaftlichen Beirats von
Attc, VSA-Verlag Hamburg 2006, S. 9
[«15] Vgl. David Hachfeld: Das GATS-Abkommen und die Kommerzialisierung von Bildung in
der BRD. In: Universität im Umbruch. Der globale Bildungsmarkt und die Transformation der
Hochschulen, hg. v. AStA der FU Berlin – Hochschulreferat, Berlin 2005, S. 30-55
[«16] Näheres bei: Bodo Zeuner: Zum Wandel der normativen Grundlagen der Wissenschafts-,
Hochschul-, und Bildungspolitik. In: Politik der Integration – Symbole, Repräsentation, Institution.
Festschrift für Gerhard Göhler zum 65. Geburtstag, hg. v, Hubertus Buchstein und Rainer Schmalz-
Bruns, Nomos Baden-Baden, 2006, S. 137-155
[«17] Rudolf Bahro: Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus. Europäische
Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1977