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Auseinandersetzung um Auweter-Kurtz


Alles weitere ist eine Frage der Vernunft

Frau Auweter-Kurtz knapp bestätigt

"Markt und Demokratie stützen einander also nicht mehr automatisch. Eine diesen Vorgang erklärende Aufklärung wäre gewissermaßen der philosophische Part der heutigen Friedensforschung. Politisches Ziel ist die Herstellung eines welt-innenpolitischen, eines globalen Rechtsrahmens, damit die Investoren nicht in Kindersklaverei- und Umweltsünder-Staaten und die Reichen nicht in Steueroasen ausweichen können. Man macht sich natürlich mit dieser Aufklärung bei den heutigen Mächtigen, den Marktgewinnern, nicht beliebt!"
Ernst Ulrich von Weizsäcker, "Naturwissenschaft und Friedensforschung: eine vertrackte Beziehung", Festvortrag zur Eröffnung des Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrums Naturwissenschaft und Friedensforschung, 7. Juli 2006.

Nach einem demokratisch sehr zweifelhaften Verfahren (headhunting, programmlose Kandidatinnenfindung, geheime Hochschulratssitzung, Ad-hoc-Feriensitzung des Akademischen Senats, zu schwache Mehrheit des Gremiums) ist Frau Auweter-Kurtz mit neun zu sechs Stimmen als Präsidentin der Universität im Akademischen Senat bestätigt worden.

Die Für-Stimmen kamen von den Professorinnen und Professoren, die Gegenstimmen – mehrheitlich: 2 von 3 – von studentischer Seite, vom Technischen und Verwaltungspersonal sowie von den wissenschaftlichen Mitarbeitern.

Es standen sich gegenüber ein undemokratisches bzw. intransparentes Verfahren, eine senatskonforme Kandidatur oder ein souveränes Procedere nach vernünftigem Programm, die soziale Offenheit des Studiums, ein freimütiger kollegialer Zusammenhang der Universität und ihrer Mitglieder sowie – nicht zuletzt – das gesteigerte Gewicht einer verantwortlichen und öffentlich wirksam agierenden Friedensforschung, die anregend für die Gesamtentwicklung der Wissenschaften wirksam ist.

Bei dieser Kontroverse wird es bleiben.

Krieg ist entgegen mancherlei Propaganda nicht Frieden.

Die Vernunft ist keine Handelsware.

Wer sich nicht entmutigen läßt, positioniert sich aussichtsreich.

Das Flugblatt als pdf-Datei



Antrag an den Akademischen Senat am 27.07.2006

Golnar Sepehrnia Olaf Walther

Leitlinien zur Präsidentschaft

„Als kompetenter und engagierter Berater hochrangiger Politiker hat sich Wolfgang Panofsky seit 1945 vehement für atomare Rüstungskontrolle und Abrüstung eingesetzt. Seine enge Verbundenheit mit der Universität Hamburg zeigte er durch zahlreiche Vorträge zu diesen Fragen. Bis zum heutigen Tag hat Wolfgang Panofsky wissenschaftliche Projekte an der Universität Hamburg und am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik durch wertvollen fachlichen und persönlichen Rat unterstützt. Mit der Ernennung zum Ehrensenator dankt die Universität Hamburg Wolfgang Panofsky für seine langjährige wissenschaftliche Verbundenheit und würdigt sein friedensförderndes Engagement in der Wissenschaft."
Ernennungsbeschluß des Akademischen Senats vom 1. Juni 2006.

1) Dann gibt es nur eins...

Ob nun gefühlt, gemeint, gedacht, geforscht, gesagt oder geschrieben: Daß der Krieg möglicherweise nicht der Vater, sondern die Mutter aller Dinge sei, macht ihn (oder sie) nicht besser und die dogmatische Aussage über den Ursprung allen Seins als fatale Handlungsmaxime nicht richtiger.
Zivile Bedingungen und Entwicklungen ermöglichen das Leben der Wahrheit, die martialisch unbedrohte demokratische Partizipation, die produktive Kontroverse zur freudigen Realisierung des Allgemeinwohls.
George W. Bush hat sich als "Kriegspräsident" bezeichnet.
Die Universität braucht einen Friedenpräsidenten/eine Friedenspräsidentin.

2) Die Universität als Republik

Unter hohem äußeren Druck ist Demokratie als Struktur, Haltung und Praxis einer Institution und all ihrer Mitglieder für ein vernünftiges Zusammenwirken lebenswichtig und entwicklungswürdig.
Das faire gleichberechtigte Zusammenspiel von kollegialem Präsidium, Akademischem Senat, Kammer, Konvent, Fakultätsräten und den Organen der Interessenvertretung (Personalräte, AStA) ist am meisten gedeihlich für das Wissen schaffen und seine Subjekte.
Hierfür hat ein Präsident/eine Präsidentin besondere Verantwortung.

3) Soziale Offenheit

Studiengebühren sind ein Zwangsmittel zur sozialen Selektion und zur Einengung der Persönlichkeiten respektive der Wissenschaften. Sie sollen suggerieren, der Mensch sei erst dadurch, daß er kaufe oder käuflich sei. Wer Menschen gleichwertig betrachtet und behandelt, mißt ihnen höhere Bedeutung bei.
Ein Präsident/eine Präsidentin sollte Studiengebühren aus Gründen der Menschlichkeit ablehnen.

4) Geschichte, Genauigkeit und Zukunft

Was ist, ist geworden; was geworden ist, ist gemacht; was gemacht ist, ist zu verantworten; was ist, ist nicht alternativlos.
Die Welt ist nicht zum Besten.
Wissenschaften sollten andere Möglichkeiten ergründen und in Stadt und Land zum Erfordernis machen. Das Stirnrunzeln der Handelskammer sei kein Hindernis.
Vernunft ist eine öffentliche Angelegenheit.
Ein Präsident/eine Präsidentin darf sich mit den Übeln nicht abfinden.

"Abendblatt: Was war in Ihren Anfangszeiten anders als heute? Was war besser, was war schlechter?
Flimm: Damals war besser, daß wir gelernt haben, Texte bis in die hinterste Ecke auszuloten, um den Blick in die Menschen zu öffnen. Man wollte den Riß zeigen, der durch die Welt geht. Man erkennt heute in den Aufführungen den Kulturverlust durch Vereinfachungen und Verknappungen. Ich sehe gerne Aufführungen, die ausführlich die vielen Möglichkeiten des Schauspielers und des Menschen zeigen. Dazu gehören aber Regisseure, die in die Texte hineingehen wollen, anstatt sie sich vom Halse zu halten. Ich glaube, das Theater ist utopieloser geworden."

Jürgen Flimm Interview mit dem "Abendblatt" vom 22/23. Juli 2006, S. 7.

Wissenschaft, Kunst und Leben haben eine gewisse Verwandtschaft.

Hamburg, den 25.7.'06



Kritische Vernunft oder pragmatisches Dienen?

Zum Richtungsstreit um die künftige Universitätsleitung

"Die Wissenschaft hat keine moralische Dimension. Sie ist wie ein Messer. Wenn man sie einem Chirurgen und einem Mörder gibt, gebraucht es jeder auf seine Weise."
Wernher von Braun, Raketenforscher, der Mondreisen anstrebte; zunächst entwickelte er für die Nazis die "Wunderwaffe" V2, nach 1945 forschte er für US-Armee und die NASA.

"Was die wahre Freiheit und den wahren Gebrauch derselben am deutlichsten charakterisiert, ist der Mißbrauch derselben."
Georg Christoph Lichtenberg, "Einfälle und Bemerkungen", Heft L, 1796-1799.

Was wäre eine Welt ohne Waffen?

Ist ein menschenwürdiges Leben in der ebenso materiell wie an Erfahrungen und Erkenntnissen reichen Welt für alle möglich und nötig?

Und deshalb: Was und wofür lernen wir?

Die am Freitag vom Hochschulrat geheim gekürte potentielle Präsidentin der Universität beäugt diese Fragen im besten Falle teilnahmsarm.

In dem Gespräch mit den studentischen Vertretern des Akademischen Senats erklärte sie Krieg zum selbstverständlichen Mittel der Politik, befürwortete eine "Wehrbereitschaft" der Bundesrepublik, konnte keine klare inhaltliche Grenze für die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Wissenschaften ausmachen (z.B. "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Art. 1 GG) und legitimierte ihre öffentliche Befürwortung der Kandidatur von Angela Merkel, obwohl sie auf Elemente des CDU-Programms (Sozialstaatszerstörung und Bundeswehr im Innern) hingewiesen war. Einen Zusammenhang von Universität und Sozialstaat sähe sie nicht (z.B. soziale Offenheit, demokratische Mitbestimmung und verantwortungsbewußter Gesellschaftsbezug). Studiengebühren befürwortet sie weiterhin. Der Zugang zur Hochschule möge nach "Leistungsstärke" gestaltet werden, die wiederum nach "dem Individuum innewohnender" Begabung ausfalle. Gender-Fragen (demokratische Gleichstellungs- statt Karriere-Fragen), darin die Bedeutung von Interdisziplinarität, verantwortungsvoller Praxisbezug und der aufgeklärten Gestaltbarkeit von Wissenschaftskonzepten, sind ihr fremd.

Sie will den Flug zum Mars. Irdisch hat sie ihren Platz in der Gesellschaft gefunden. (Sie kooperiert als Raketenforscherin mit Rüstungsunternehmen und militärischen Einrichtungen wie Bayern-Chemie/Protac und der NASA.) Das ist ihr unausgesprochenes Programm.

Damit steht diese Kandidatin in schroffer Gegnerschaft zu erfreulichen, praktischen Einsichten an der Hamburger Universität. Zum Zwecke mündigen Eingreifens für eine gerechte, demokratische und friedliche Welt (Leitbild) soll hier gelehrt und geforscht werden. In diesem Verständnis sind Einrichtungen der Friedensforschung, der lernende Umgang mit der Geschichte, die gruppendemokratische Mitbestimmung, der kooperative Nutzen der Fächervielfalt, die über dreißigjährige Gebührenfreiheit, die wissenschaftliche Internationalität gegen erhebliche Beharrung erstritten, entwickelt und verteidigt worden.

Die geschäftsmäßigen Absichten des CDU-Senats (betriebliche Zergliederung der Universität, Streichung zahlreicher Geisteswissenschaften) sind auf dieser Basis zurückzuweisen gewesen. Die soziale und kulturelle Herabwürdigung der Lernenden und Lehrenden durch Studiengebühren, "leistungs"-orientierte Bezahlung und trainingscamp-artige BA/MA-Studiengänge, die Abwicklung sozialer Bezüge im Studium und der (teil-)demokratischen Souveränität gegenüber dem Senat rufen deshalb begründete Opposition hervor.

In diesen Zeiten erforderlich und angenehm ist eine Universität, die sich couragiert dem kritischen Verstehen der menschlichen Verhältnisse für alle förderlich produktiv widmet. Diese Richtung muß von einer künftigen Universitätsleitung kollegial verantwortet und verwirklicht werden.

Am Donnerstag soll der Akademische Senat der Auswahl der Hochschulrats zustimmen. Tut er dies nicht, muß - in einem demokratisierten Verfahren - ein vernünftigerer Kandidaturvorschlag ermittelt werden.

V.i.S.d.P.: Olaf Walther & Golnar Sepehrnia, c/o Studierendenparlament, VMP 5, 20146 Hamburg

Sondersitzung des Akademischen Senats zur Wahl
eines Präisdenten / einer Präsidentin
Do., 27. 07. 2006, 14 Uhr, ESA 1, Raum 308


Das Prinzip Frieden

„Aber, das weiß ich, ist Pflicht: wenn man die Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren; sie klar und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen ihre Kraft und Nützlichkeit zu lehren; und die Gaben, welche dazu erfordert werden, stehen in unserer Gewalt.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Über die Wahrheit“.

In dieser Woche besucht George W. Bush die Bundesrepublik.

In der letzten Woche hat die Universität Hamburg den Physiker Wolfgang K.H. Panofsky für sein wissenschaftliches Friedensengagement mit der Verleihung der Ehrensenatorenwürde ausgezeichnet und ein Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung eingerichtet.

Wolfgang Panofsky, der 1919 geborene Sohn des von den Nazis aus Hamburg vertriebenen Kunsthistorikers Erwin Panofsky, hat im Zweiten Weltkrieg für das US-amerikanische Atomwaffen-Projekt geforscht. Die verbrecherische Qualität dieser Waffen wurde ihm nach Hiroshima und Nagasaki deutlich: „Gegen Atomwaffen kann sich keiner verteidigen.“ Seither ist er für die Abrüstung, das Verbot und die Elimination dieser Massenvernichtungswaffen engagiert. Der Physiker setzte sich als US-Regierungsberater hierfür ein. Er wendet sich gegen die Manipulation wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Kriegspolitik der Bush-Regierung. Der Gewürdigte betonte, daß in Zeiten der Atombombe Wissenschaft und Politik gemeinsam der Gesellschaft eine humane Entwicklungsrichtung geben müssen. Mit ihm wurde der unermüdlich kritische Umgang mit neuen Erkenntnissen als stete Aufgabe aller wissenschaftlich Tätigen gewürdigt.

Die Eröffnung des nach dem Physiker und Philosophen C. F. von Weizsäcker benannten „Zentrums für Naturwissenschaft und Friedensforschung“ (ZNF) war ein weiterer Höhepunkt friedenspolitischen Wirkens an der Universität. Festredner Ernst Ulrich von Weizsäcker plädierte energisch für die Kritik der Zwecksetzung wissenschaftlicher Arbeit in Zeiten des „Shareholder-Kapitalismus“. Interessen an Gewinn und militärischer Überlegenheit würden durch die Vergabe von Forschungsgeldern die Naturwissenschaften dominieren. Diese zynische Tendenz sei in den USA am ausgeprägtesten. So wachse die Bedrohung der gesamten Menschheit und werde das Elend der „Dritten Welt“ verschärft. Sein vernünftiges Credo: Erst ein an Frieden und Demokratie orientiertes Verständnis des Wissen-Schaffens macht neue Erkenntnisse für die Menschheit nutzbar.

Auch Egon Bahr sprach für die Priorität des Friedens in Wissenschaft und Politik. Gewaltverzicht und Abrüstung sollten hier für alle leitend sein. Der Stand der Rüstung verweise auf eine gesellschaftliche „Geisteskrankheit im fortgeschrittenen Stadium“. Mit Ende des Systemkonflikts sei wider alle Vernunft die „Hoffnung auf Sieg“ zurückgekehrt. Die US-amerikanischen Supermachtpolitik, geostrategische und Rohstoffinteressen und diskriminierende Terror-Verdächtigungen seit „9/11“ säten den Krieg. In und durch Europa sei die Aufklärung zu stärken und eigene Initiative für weltweite Abrüstung zu ergreifen. Erforderlich sei aber auch, ein machtpolitisches Gegengewicht zu den USA zu bilden, ohne in einen Rüstungswettlauf einzutreten (eine EU-Armee, wie sie Egon Bahr vorschwebt, brauchen wir allerdings nicht).

Beide Festredner unterschätzen zwar die Wirkung friedenspolitischer Bewegung für menschliche Gleichheit durch sozialen Fortschritt. Aber weitreichend eindeutig ist: Das Erringen und Sichern des Friedens ist für alle notwendig. Forschung und Lehre dürfen sich dem partikularen Interesse an Gewinn und Macht nicht anheim stellen.

In dieser Woche wird der Akademische Senat über die Wählbarkeit der Rüstungsforscherin Monika Auweter-Kurtz zur Uni-Präsidentin diskutieren. Ein „Nein!“ zu diesem Vorschlag ist die erforderliche Fortsetzung friedenswissenschaftlicher Aktivitäten der Universität.

Das Prinzip Frieden ist das Prinzip Vernunft. Das hat Geschichte, Maßstab, Vorbilder und Perspektive.

V.i.S.d.P.: Olaf Walther & Golnar Sepehrnia, c/o Studierendenparlament, VMP 5, 20146 Hamburg


Antrag an den Akademischen Senat
für die Sitzung am Donnerstag, den 13. Juli,
ab 14 Uhr im AS-Sitzungssaal, ESA 1, Raum 308

„Nathan: Gewiß, nicht Tod! Denn Gott lohnt Gutes, hier
Getan, auch hier noch. – Geh! – Begreifst Du aber,
Wieviel andächtig schwärmen leichter als
Gut handeln ist? wie gern der schlaffst Mensch
Andächtig schwärmt, um nur – ist er zu Zeiten
Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt –,
Um nur gut handeln nicht zu dürfen?“

G. E. Lessing, „Nathan der Weise“, 1. Aufzug/3. Auftritt, 1779.

Der AS möge befassen, beraten und beschließen:

Frieden sei Priorität.

Die Welt ist in den letzten eineinhalb Jahrzehnten nicht friedlicher geworden. Neue Kriege drohen.

Der Akademischen Senat plädiert daher, mit aktuell positivem Bezug auf das Leitbild der Universität, für die friedliche und zivile Entwicklung der menschlichen Welt. Dies gilt nachdrücklich auch für den Iran-Konflikt. Alle wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Anstrengungen, die zu einem kriegsfreien und fairen Zusammenleben beitragen, sind deshalb unterstützenswert.

Begründung:
„Im Bewußtsein der wechselvollen Geschichte und der gesellschaftlichen Verantwortung der Universität bezieht sich der Akademische Senat dabei auf das am 15. Juni 1998 beschlossene Leitbild der Universität als Auftrag zum Schutz und zur Verwirklichung wissenschaftlicher Freiheit, zur Mitgestaltung eines sozialen und demokratischen Rechtsstaates und einer friedlichen und menschenwürdigen Welt sowie zur Verwirklichung des Rechts auf Bildung und der Gleichstellung der Geschlechter.“
Präambel der Grundordnung, beschlossen vom Akademischen Senat am 09. März 2006.
Antragsteller: Golnar Sepehrnia, Olaf Walther


Dokumentiert: Zum Geleit XXIII.

Die Geleite sind ein regelmäßiges Anschreiben der linken studentischen VertreterInnen im Akademischen Senat an die MitsenatorInnen zu aktuellen Themen und Tagesordnungspunkten.

Der erfreuliche Ernstfall: Frieden

1) Die kulturelle Dimension

„Als der Krieg aus war, kam der Soldat nach Haus. Aber er hatte kein Brot. Da sah er einen, der hatte Brot. Den schlug er tot.
Du darfst doch keinen totschlagen, sagte der Richter. Warum nicht, fragte der Soldat.“

Wolfgang Borchert, „Lesebuchgeschichten“.

Der Mensch verneint sich selber durch die Roheit der gezielten Zerstörung, die seelenlos vonstatten gehen soll, aber tiefe Spuren hinterläßt. Die Folgen zeigen ihren Ursprung an.
Die Wahrheit stirbt – üblicher Weise – vor dem Kriege; in dem Krieg ist nach der Wahrheit; nach dem Krieg ist vor der Wahrheit; nach der Wahrheit ist vor dem Frieden.

2) Aufgeschoben ist weniger als bewältigt

„Das Signal steht seit drei Jahrhunderten auf Freie Fahrt, aber nicht weil die Grundfragen gelöst wären, sondern weil wir gelernt haben, sie im Alltag unserer Arbeit auf sich beruhen zu lassen. Philosophie jedoch könnte man vielleicht definieren als den nicht ruhenden Willen, die Grundfragen zu stellen.“
Carl Friedrich von Weizsäcker, „Große Physiker, Von Aristoteles bis Werner Heisenberg“, Immanuel Kant, (herausgegeben von Helmut Rechenberg), Wiesbaden 2004, S. 183.

Die Grundfragen sind nicht in jeder Minute zu reflektieren, zu erörtern beziehungsweise neu zu beantworten – aber ohne schon beantwortete Grundfragen wäre der Mensch nicht handlungsfähig, ohne zu beantwortende Grundfragen hätte der Mensch keine Zukunft.
Ist die Erde (wieder) eine Scheibe?
Handelt es sich bei der Fußballweltmeisterschaft um ein reales Vergnügen?
Haben die Wissenschaften eine Verantwortung für das soziale Wohlbefinden?
Die Antworten verlangen mehr als nur kurzzeitige Aufmerksamkeit.

3) Vorausschauende Erkenntnis

„ ... – so muß es einen Bund von besonderer Art geben, den man einen Friedensbund (foedus pacificum) nennen kann, der vom Friedensvertrag (pactum pacis) darin unterschieden sein würde, daß dieser bloß einen Krieg, jener aber alle Kriege auf immer zu endigen suchte. (...) – Die Ausführbarkeit (objektive Realität) dieser Idee der Föderalität, die sich allmählich über alle Staaten erstrecken soll und so zum ewigen Frieden hinführt, läßt sich darstellen.“
Immanuel Kant, „Zum ewigen Frieden/Ein philosophischer Entwurf“, Zweiter Abschnitt/Die definitiv Artikel, 1795.

Zu den wesentlichen Zielen der nach Diktatur und Weltkrieg 1945 gegründeten UNO gehören der Gewaltverzicht, die Erhaltung des Weltfriedens, die Regelung von Streitfällen mit friedlichen Mitteln und die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen auf der Grundlage der Gleichberechtigung.
Die Momente und Bedingungen des positiven Friedens sind hier als die Förderung der Menschenrechte und der wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung sowie Zusammenarbeit gefaßt.

Foedus pacificum.

4) Der erfreuliche Ernstfall: Courage

„Ohne Zukunftsvision ist es schwierig, tragfähige Konzepte zu entwickeln, die über das Entscheiden auf case-to-case-Basis hinausgehen. Der Politik fehlt es an Rückgrat gegenüber den klar definierten Interessen der Wirtschaft und die Politiker neigen zu Wankelmütigkeit, um nicht zu sagen: zum Opportunismus.“
Juli Zeh, Nonstop Konsens, SüddeutscheZeitung Magazin, Nr. 26, 30. Juni 2006, S. 17.

Auch ohne die sogenannte Miesmacherei läßt sich konstatieren, daß ein mehrzehnfacher potentieller atomarer Overkill und der jährliche Etat der EU-Staaten von 180 Milliarden Euro für Rüstung und Streitkräfte von besorgnisgebender Dimension sind. Die materielle Bedrohung wächst.
Auch die Subjekte der Wissenschaften können mehr und mehr ihren Beitrag zur Überwindung der Kluft zwischen Friedensnorm und Kriegspraxis leisten.

Olaf Walther, Golnar Sepehrnia
Hamburg, den 6. Juli 2006



Eene, meene, miste - es rappelt in der Kiste:

Die konfliktreiche Suche nach einem Präsidenten oder einer Präsidentin

"Jedenfalls lebt kein vollsinniger Kaufmann auf dieser Erde, der Milliarden und Milliarden in ein Geschäft hineinsteckt, das er niemals auszunutzen gedenkt. Das tut aber der Militarismus. Und es gibt da so eine Art Naturgesetz: was man jahrelang, mit dem Aufwand der äußersten Geldeinlagen, vorbereitet, das muß sich eines Tages von selbst auslösen. Geladene Gewehre gehen einmal los."
Kurt Tucholsky, "’Gesunder Pazifismus’", 1928.

Die Universität hat sich angenehm wegweisende Grundsätze gegeben:
"Für alle Menschen will sie (die Universität) ein Ort lebenslangen Lernens sein und ein öffentlicher Raum der kulturellen, sozialen und politischen Auseinandersetzung. (...) Sie (die Mitglieder der Universität) wollen zur Entwicklung einer humanen, demokratischen und gerechten Gesellschaft beitragen und Frauen und Männern gleichen Zugang zu Bildung und Wissenschaft eröffnen. (...) Geleitet von diesem Bild einer weltoffenen, wissenschaftlich leistungsfähigen Universität setzt sich die Universität Hamburg die Internationalisierung von Bildung und Wissenschaft für eine friedliche und menschenwürdige Welt (...) als Ziel(e) ihrer künftigen Entwicklung." ("Leitbild Universität" Hamburg, 1998.)
In diesem Sinne hat sich der Akademische Senat (AS) wider den Krieg der US-Administration gegen den Irak ausgesprochen.
Auf dieser Linie vernünftiger Entscheidungen für emanzipatorische und verantwortliche Wissenschaft liegt auch die wiederholte Ablehnung von Studiengebühren.
Die Ehrung der "Weißen Rose" gehört ebenso zu diesem Impetus wie das erinnernde Benennen von Hörsälen des Hauptgebäudes nach humanistischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen.
Dies ist der politisch-kulturelle Hintergrund, vor dem ein Präsident/eine Präsidentin die Uni durch kollegiales Zusammenwirken im Präsidium, in enger Kooperation mit dem Akademischen Senat (AS), im souveränen Verhältnis zum eher amorph aufgesetzten Hochschulrat, in Koordinierung der Fakultäten und unter aufmerksamer Berücksichtigung der Personalräte sowie der Verfaßten Studierendenschaft die Universität leiten sollte.
Bislang konnten diese Ansprüche - bei allerlei Hakeligkeiten - in wesentlicher Tendenz gemeinsam verwirklicht werden.
Nun soll eine Person neu für dieses Amt bestimmt werden, da die Amtszeit des bisherigen Präsidenten Jürgen Lüthje im September des laufenden Jahres endet.
Das ist laut Dräger-Gesetz Aufgabe des Hochschulrates, der eine Kommission (mit auch Vertretungen aus dem AS) eingesetzt hat. Der AS muß dann den definitiven Vorschlag bestätigen - oder auch nicht.
Vorrangig im Gespräch ist Prof. Dr. Ing. Monika Auweter-Kurtz, die die Abteilung Raumtransporttechnologie der Uni Stuttgart leitet.
Sie leitet zudem das "Steinbeis Transferzentrum" für "Plasma- und Raumfahrttechnologie", das als einen Referenz-Kooperationspartner die "Bayern-Chemie/ Portac" ausweist. "Bayern-Chemie/Portac" ist ein Gemeinschaftsunternehmen des Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzerns EADS und des französischen Rüstungskonzerns THALES und entwickelt und produziert unter anderem eine Kurzstrecken-Luftabwehrrakete, einen Raketenmotor für eine britische Abwehrrakete sowie einen Feststoffraketenmotor für Lenkraketen.
Eine Schelmin, die Schlechtes dabei denkt.
Frau Auweter-Kurtz befürwortet zudem Studiengebühren.
Zu ihrem Menschenbild sagt die Wissenschaftlerin: "Erst vor einigen Jahren erfuhr ich, dass es in meiner entfernten Verwandtschaft mehrere Physiker gibt, zwei davon haben es bis zum Professor geschafft. Also steckt diese Neigung möglicherweise in meinen Genen." ("Frauen Aktiv in Baden-Württemberg", Ausgabe 25, 3/2004.) Die biologistische Deutung von geistiger spezifischer Qualifikation ist nicht vereinbar mit einem aufgeklärten Verständnis des Menschen und seiner Kultur.
Vielleicht hält ja auch deshalb die Unternehmensberatung SUP, die in das Findungsverfahren eingeschaltet ist, Frau Auweter-Kurtz "mit 7 von 10 möglichen Punkten für die Position der Präsidentin der Universität Hamburg qualifiziert". Rüstungsforschung liegt quer zum Leitbild der Universität und der daraus abgeleiteten Funktion des Präsidiums. Studiengebühren sind abzulehnen wie diese Kandidatin.

V.i.S.d.P.: Olaf Walther, Golnar Sepehrnia, Christian Sauerbeck & Bela Rogalla, c/o Studierendenparlament, VMP 5, 20146 Hamburg

Das Flugblatt als pdf-Datei



Sozialer Demokrat oder Smart?

In diesem Jahr erhält die Universität einen neuen Präsidenten

„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zusagen: NEIN.“
Kurt Tucholsky

Zum Wintersemester 06/07 soll die Universität einen neuen Präsidenten erhalten. Was soll dieser Mensch tun?

Der CDU-geführte Senat hat mit der Novelle des Hochschulgesetzes (2003) folgendes im Sinn: Der Präsident wird seither vom zwangsverordneten, wirtschaftsnahen Hochschulrat (neun Mitglieder; keine Studierenden) gekürt und soll vom Akademischen Senat (zehn Profs und je drei wissenschaftlichen Mitarbeiter, Technisches und Verwaltungspersonal sowie Studierende) bestätigt werden.

Das war nicht immer so. 1969 wurde ein demokratisches Universitätsgesetz gültig. Erkämpft hat es die studentische Bewegung, die sich gegen den kulturellen Muff der Adenauer-Ära und das anmaßende, brutale Gebaren westlicher Mächte in Vietnam und Iran wandte, die Mitverantwortung der Universitäten und der eigenen Hochschullehrer im Faschismus sowie deren Verstrickungen in privat-ökonomische Interessenpolitik aufdeckte und kritisierte. Die Studierendenschaft stritt für friedliche Entwicklung, soziale Reformen und gesellschaftliche Demokratisierung. Im Zuge dieses Kampfes wurde die ständische Rektoratsverfassung der Universität – die fürstenähnlichen „Ordinarien“ erhoben aus ihrer Mitte einen Rektor – überwunden. (Auch Studiengebühren waren bald abgeschafft.) Die neu gebildeten Fachbereiche (statt überkommener Fakultäten) erhielten paritätisch besetzte „Räte“ mit einem Sprecher (statt eines herrschaftlichen Dekans), die Universität bekam ein Parlament: das Grundsatzfragen erörternde Konzil mit jeweils einem Drittel Studierende, Angestellte und Hochschullehrer; der Akademische Senat (AS) wurde zum Arbeitsparlament. Der Präsident wurde vom Konzil demokratisch gewählt.

Im Dezember 1969 gelangte so trotz konservativer Gegenwehr der Theologie-Assistent Peter Fischer-Appelt nach kontroverser Diskussionen vor einem vollen gefüllten Audimax im fünften Wahlgang mit den Stimmen der Studierenden ins Amt. Es begann die 20jährige Amtszeit eines streitbaren Humanisten, der in der Universität – die Mündigkeit und menschenwürdige Verhältnisse für alle fördert und fordert – die „hohe Schule der Gesellschaft“ verwirklicht sehen will. Sein Engagement für die egalitäre Kultivierung von Hochschule und Gesellschaft war mit der Universität in der Phase echter gesellschaftlicher Reformen („Mehr Demokratie wagen“) und darin des Ausbaus der Uni zur demokratischen Massenhochschule sowie in der problematischen Periode der späten 70er („Rotstiftpolitik“) und der 80er Jahre („Geistig-moralische Wende“) im Einklang. Er plädiert heute weiterhin für die positiven Maßstäbe und Erfahrungen der Reform-Ära.

Ihm folgte der heutige Präsident Jürgen Lüthje. Der Verwaltungsjurist setzte sich im Streit reformistischer Strömungen der Hochschullehrer und Angestellten 1991 im vierten Wahlgang durch; die studentische Favoritin schied vorher aus. In der Phase der Abwicklung sozialer Errungenschaften in Folge des Zerfalls der sozialistischen Staaten („Ende der Geschichte“) suchte er die Vermittlung merkantiler und sozialstaatlicher Ansprüche; hier ist eine moderate Befürwortung von Studiengebühren und „schlanker“ Entscheidungsstrukturen gegeben. Gestärkt durch den universitären Widerstand gegen betriebswirtschaftliche Umstrukturierungen tritt er kontrahent zum CDU-Senat für bedarfsdeckende Hochschulfinanzierung, die universitäre Einheit und Fächervielfalt sowie für Chancengleichheit und ein wissenschaftliches Niveau von Forschung und Studium ein. Die wissenschaftliche Verantwortung für Frieden und sozialen Forschritt begründet er historisch; er befürwortet nunmehr milde Reformen unter Berücksichtigung aktueller Innovationsforderungen. Seine Amtszeit endet dieses Semester mit der Pensionierung.

Die Findung des neuen Präsidenten findet entgegen der demokratischen Tradition im Verborgenen statt. Durchgesetzt werden konnte aber eine gemeinsame Findungskommission von AS und Hochschulrat, in der die Vertreter des AS auf studentisches Drängen für vernünftige Auswahlkriterien gewirkt haben (siehe Dokumentation).

Die Kommission hofft nun, einen Kandidaten gefunden zu haben, der „trotz des politischen Senats“ die Leitungsaufgabe übernehmen will. Er wird sich in einem nichtöffentlichen Verfahren den AS-Mitgliedern vorstellen. Sollte er absehbar nicht die Zustimmung des Gremiums erhalten, werde der Vorschlag wieder zurückgezogen. Es ist also möglich, die politisch gewollte managementorientierte „Führung“ der Universität zugunsten einer relativ aufgeklärt-demokratischen Leitung zurückzuweisen.

Letztlich ist die Universitätsleitung wohl so demokratisch, entwicklungsoffen und gesellschaftskritisch wie die Universitätsmitglieder es verlangen.

In jedem Fall sollte die Opposition gegen die ökonomische Instrumentalisierung von Wissenschaft und Menschen durch Studiengebühren, gegen Verwertungsdruck und Entsolidarisierung fortgesetzt und eine neue Ära echter Reformen erwirkt werden.

Der rechte Senat ist schon angeschlagen.

In dieser Lage läßt sich mit Aufklärung und solidarischem Handeln viel Positives bewirken.

V.i.S.d.P.: Olaf Walther & Golnar Sepehrnia, c/o Studierendenparlament, VMP 5, 20146 Hamburg


Dokumentiert:

Kriterien für die Wahl eines neuen Präsidenten/ einer neuen Präsidentin

Ein Präsident/eine Präsidentin der Universität Hamburg soll
a) die Einheit und Vielfalt der Universität stärken,
b) die akademische Leitung kollegial im Präsidium und mit starkem Bezug zum AS realisieren,
c) eine lebendige demokratische Selbstverwaltung mit relevantem Konvent vertreten,
d) für aufklärerischen, verantwortlichen Gesellschaftsbezug der Universität wirken,
e) die institutionelle Souveränität gegen über dem politischen Senat repräsentieren,
f) kommunikativ und kollegial in Bezug auf alle Statusgruppen agieren,
g) für die bedarfsgerechte Ausstattung der Universität eintreten.

(vorgelegt im Akadmischen Senat und seinen Mitgliedern in der Findungskommission mit auf den Weg gegeben von Olaf Walther & Golnar Sepehrnia)



Es informieren die Hochschulgruppen: